Die einen fragen sich: "Wie kann der nur?", "Ist der verrückt geworden?" Oder sogar: "Der spinnt doch!" Die anderen schreiben lange Texte in den sozialen Medien, in denen sie feinfühlig und voller Verständnis erklären, welche total legitimen Interessen dieser sensible Gewaltherrscher auf den Territorien anderer Länder haben darf und wie nervös ihn demokratische Entwicklungen woanders machen. Und sie entwerfen so ein Bild eines Menschen, das irgendwo zwischen "Wladimir allein zu Hause" und der Spielanleitung von "Risiko" changiert. Und kommen zum überraschenden Schluss, dass am Einmarsch der russischen Armee doch die Nato nur schuld sein kann.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten"), alles Wissenwerte über ihn und von ihm gibt es unter http://www.severin-groebner.de
Severin Groebner ist Kabarettist und Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten"), alles Wissenwerte über ihn und von ihm gibt es unter http://www.severin-groebner.de

Woher kommen diese unterschiedlichen Einschätzungen? Für die einen Diktator, der nicht mehr alle Wodkagläser im acht Meter langen Schrank hat, für die anderen ein cooler Typ, der schöne Hobbys pflegt, wie Angeln, Reiten und Oppositionelle verhaften zu lassen.

Es liegt an der Sprache. Wer im eigenen Land die Worte "Invasion", "Krieg" und "Angriff" verbietet, der ist eben sprachlich sehr sensibel. Ein lingualer Feingeist. Man kennt das ja auch hierzulande. Da gibt es Parteien, die das Wort "Nazi" stets mit dem handarbeitsgestützten Begriff "Narrensaum" ersetzen. Klingt auch mehr nach Fasching als Faschismus. Dass genau Vertreter just dieser Partei früher gerne nach Russland gefahren sind und Kooperationsverträge mit Putins Partei abgeschlossen haben, ist wahrscheinlich Zufall.

Aufgrund der neuen sprachlichen Sensibilität im Kreml werden jetzt wohl zahlreiche Publikationen in Russland etwas umformuliert werden müssen. Der 30-Jährige Krieg heißt in den russischen Geschichtsbüchern wahrscheinlich die "etwas längere militärische Spezial-Operation". Die Invasion der Alliierten 1942 in der Normandie nennt sich "Besuch des dekadenten Westens in Frankreich". Der Hitler-Stalin-Pakt aber heißt . . . gar nicht. Der steht da nämlich nicht drin.

Und selbst vor der Populärkultur macht man nicht halt: Den Trash-Film-Klassiker "Der Angriff der Killertomaten" nennt man jetzt in Russland "Befreiung durch Gemüse".

Um dieser Entwicklung zu entsprechen, hilft es freilich nicht, Putin auf Fehleinschätzungen hinzuweisen (das hält der Arme doch nicht aus), vielmehr sollten wir alle diese neue Sprache lernen.

Hier die wichtigsten Begriffe direkt übersetzt in das Putinische:

Russische Armee - uniformierte Spaziergänger, demokratisch gewählte Politiker - Faschisten, Komiker - Drogensüchtiger, mit Waffengewalt und schwerem Kriegsgerät, besetzen - demilitarisieren, den jüdischen Präsidenten umbringen - entnazifizieren, nützlicher Idiot - guter Freund und Aufsichtsrat aus dem Westen, selbstausgedachte Märchen - historische Tatsachen, Erpressung - Verhandlung, Kolonie - Brudervolk, Strohmann - Cellist, Bombardierungen - tragische Ereignisse, zerstörte Gebäude - gelöste Aufgaben, Geheimdienst - Patrioten, Opposition - Verräter, Finnland - Vorhof mit Sauna, Ukraine - Anti-Russland, Kasachstan - Südrussland, Belarus - Westrussland, Moldawien - Südwestrussland, Georgien - Bergrussland, Alaska - amerikanisch Russland, Nordpol - Kaltrussland, Baltikum - abtrünnige Provinzen, Friedhof - Frieden.

Auswendig lernen und dann kann man endlich: Putin verstehen.