Koptische Quittung, ausgestellt von einem Tiberius (wahrscheinlich 6. Jahrhundert). 
- © Athribis-Projekt Tübingen

Koptische Quittung, ausgestellt von einem Tiberius (wahrscheinlich 6. Jahrhundert).

- © Athribis-Projekt Tübingen

Wer den Namen Ägypten hört, denkt natürlich zunächst an die eindrucksvollen Pyramiden von Gizeh und andere Großbauten der alten Hochkultur am Nil, die aufgrund ihrer Monumentalität und architektonischen Meisterschaft weltweit bewundert werden. Für die Altertumswissenschafter sind es aber oft viel unscheinbarere Funde, die das Wissen um das Alltagleben im alten Ägypten entscheidend erweitern und daher von immensem historischem Wert sind.

So entdeckte ein internationales Forscherteam unter der Leitung der Universität Tübingen in der Stadt Athribis, einem antiken Verwaltungszentrum am westlichen Nilufer rund 200 Kilometer nördlich der altägyptischen Metropole Theben, in den letzten Jahren einen wahren epigraphischen Schatz: Bei einem Heiligtum, das unter der Herrschaft von Ptolemaios XII., dem Vater der berühmten Königin Kleopatra, im 1. Jh. v. Chr. erbaut worden war, kamen bisher rund 18.000 beschriftete Tonscherben (Ostraka) ans Licht, die von den damaligen Bewohnern von Athribis als eine Art keramische Notizzettel genutzt worden waren und nach ihrer Entsorgung im ägyptischen Klima die Jahrtausende überdauerten.

Die Aufschriften wurden dabei - wie in jener Zeit üblich - mit Hilfe eines Schreibrohrs, einem sogenannten Kalamus, mit Tusche angebracht. Die verwendete Sprache war in 80 Prozent der Fälle Demotisch, eine jüngere Form des Ägyptischen, die sich seit etwa 600 v. Chr. entwickelt hatte und in der Zeit der Ptolemäer und Römer die alltägliche Verwaltungssprache am Nil darstellte.

Als besondere Kategorie haben die Archäologen außerdem Ostraka mit bildlichen Darstellungen entdeckt. Diese Tonscherben zeigen verschiedene figürliche Abbildungen, darunter Tiere wie Skorpione und Schwalben, Menschen sowie Götter aus dem nahegelegenen Tempel bis hin zu geometrischen Figuren.

Viele Texte sind einfache Auflistungen von Namen sowie Abrechnungen unterschiedlicher Lebensmittel und Gegenstände des täglichen Gebrauchs und dienten somit wohl als eine Art Quittungen im lokalen Warenaustausch.

Besonders interessant sind Ostraka, die offenbar von den Schülern einer nahegelegenen Bildungseinrichtung beschriftet wurden: Zahlenreihen, Rechenaufgaben, Grammatikübungen oder Listen von Monatsnamen sowie kindliche Zeichnungen geben einen Einblick in die damaligen Unterrichtsgegenstände und didaktischen Methoden. Hunderte Scherben, die mit den immer gleichen Zeichen fortlaufend beschrieben wurden, könnten nach Ansicht der Ausgräber so etwas wie "Strafarbeiten" gewesen sein.