Das Dasein ist kompliziert geworden. Zum Frühstück habe ich einen Artikel über den Status des Feminismus in der modernen Welt gelesen, der sich seltsamerweise ein wenig betreten um das Wort "Frau" herumwand. Es war vielmehr fast durchgehend von "FLINTA*" die Rede, was so ziemlich alles und jede/n dies und jenseits des Dualismus der Geschlechter inkludiert. Man(n) zückt dann einmal mehr das Wörterbuch der Neuzeit und versucht, die wortreichen Begriffserklärungen zu entschlüsseln. Ihre Eindeutigkeit zerbricht merkbar an Haupt- und Nebenwidersprüchen, die an die ideologische Verkrampfung und Selbstzerfleischung maoistischer K-Gruppen erinnern. Ob derlei nachhaltigen Eindruck hinterlässt, tatsächlichen Fortschritt mit sich bringt oder gar handfesten Nutzwert im Alltag, sei dahingestellt. Es ist längst eine Generationenfrage. Man entkommt den Debatten aber nicht. Alles ist mit allem verknüpft, und der frische Krieg in der (Fast)-Nachbarschaft darf wahlweise als Brandbeschleuniger oder Katalysator der Meinungsbildung betrachtet werden. Mir fällt jedenfalls auf, dass viele Fragen, die gestern noch dringlich gestellt wurden, wie obsolete Luxusgüter neben der Realität verblassen. Etwa die, ob Autofahrten tausende Kilometer quer durch Europa nicht ein Umwelt-Frevel wären - versuchen Sie doch mal mit aus Odessa geflüchteten Menschen drüber zu reden. Oder erklären Sie Sozialhilfeempfängern, die sich ihre Heizkosten nicht mehr leisten können, dass die Zukunft wahlweise in Solaranlagen, Erdwärme oder Mini-Atomkraftwerken liegt. Ich will nicht zynisch klingen, aber es ist die situationsbezogene Abgehobenheit - nicht die Notwendigkeit - vieler Fragestellungen, die die individuelle und damit in Summe breite Akzeptanz verleidet. Wie komme ich darauf? Ein Freund hat mir ein Buch empfohlen: "Autokorrektur" von Katja Diehl. Die Autorin, 1973 geboren, ist Verkehrsberaterin in Deutschland. Ihre Überlegungen zur Mobilität der Zukunft sind radikal, sie geht an die Wurzeln unseres tradierten Denkens. Sie verknüpft sie, herrje!, mit Feminismus. Mich stört das nicht im Geringsten. Im Gegenteil: Der gegenwärtige Schwenk der maskulin orientierten Autoindustrie in Richtung teurer, ungebrochen überzüchteter, ungeniert weiter ressourcenverschlingender Elektromobile erscheint mir enorm hinterfragenswert. Aber auch das Gegenteil, Millionen ökofreundlicherer Mikro-Wägelchen, verlagert nur das Grundproblem: den akuten und langfristigen Mobilitäts- und Energiebedarf eines übervölkerten Planeten. Niemand traut sich die Wahrheit auszusprechen: Das eigene Fahrzeug wird zum Luxusgut werden. Und wenn nicht eine Revolution eintritt, wird es ein Privileg der Reichen, Mächtigen, Wichtigen sein. Ich ahne, um wen es sich handeln könnte. Und dann finde ich eine Passage in einem Interview mit Katja Diehl, die alles wieder auf den Kopf stellt. Sie geht so: "Eine schwarze Frau mit vier Kindern fährt einen SUV. Sie hasst es, dass sie von außen als Umweltsau gesehen wird. (...) Nicht jeder Mensch, der ein Lenkrad in der Hand hält, tut das freiwillig." Punkt. Gar nicht nur symbolisch gemeint: Wir werden nur eine Zukunft haben, wenn diese Frau freie Fahrt hat. Und der alte weiße Mann im Kreml und seine Kumpanen keine mehr.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com