Der Krieg in der Ukraine tötet Menschen, er zerstört Städte und Dörfer, Kraftwerke und Krankenhäuser. Und er richtet Verheerungen in den Köpfen der Menschen an. Jede militärische Aggression bringt es mit sich, dass sich die Verteidiger ebenfalls der Logik des Krieges zu unterwerfen haben. Dies gilt auch für jene Staaten und Organisationen, die den Angreifer mit Sanktionen belegen und dafür Sorge tragen, dass dieser in den westlichen Ländern keine Möglichkeiten vorfindet, seine Sache zu verfolgen und seine Geschäfte zu erledigen. In dieser Hinsicht ist es konsequent, dass bislang verehrte und umschwärmte russische Staatskünstler mit einem Bann belegt werden und die Freiheit der Meinung für die Propagandamedien des Kremls nicht mehr gelten kann. Es ist eine bittere Lektion dieses Krieges, dass die Werte des Westens, die ja verteidigt werden sollen, partiell außer Kraft gesetzt werden müssen. Das mag politisch opportun sein, Grund zum Jubeln ist es keiner.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Im Gegensatz zu staatlich kontrollierten Nachrichtenportalen und einer politischen Publizistik, die eine eindeutige Agenda verfolgen, verhält sich die Frage nach dem richtigen Umgang mit Künstlern in solch einer dramatischen Situation etwas anders. Von der Kunst Parteilichkeit zu erwarten und nicht die Werke oder Leistungen zu prämieren, sondern die richtige Gesinnung, ist ein falscher Ansatz. Die Qualität von Kunstwerken lässt sich nicht auf die Haltung ihrer Schöpfer oder Interpreten reduzieren, sie hängt auch nicht von Auftraggebern und Financiers ab. Umgekehrt wäre es sinnlos zu leugnen, dass sich Mächtige gerne der Kunst bedienen und dabei nicht immer auf heroischen Widerstand stoßen. Zu akzeptieren, dass es deshalb zu einem Widerspruch zwischen der Gesinnung eines Künstlers und der Ausdruckskraft seiner Arbeit kommen kann, fällt uns allerdings schwer. Wir träumen davon, dass Künstler kraft ihrer ästhetischen Sensibilität stets auf der richtigen Seite der Geschichte stehen.

In der aktuellen Debatte setzt sich überdies eine unselige Tendenz der letzten Jahre fort: Was nicht ins Bild passt, wird gecancelt. Das trifft neben putinnahen Pultstars und Operndiven zunehmend viele engagierte und untadelige Vertreter der russischen Kultur. Die vollmundige Rede von der völkerverbindenden Kraft der Musik erweist sich dieser Tage als schales Lippenbekenntnis. Im Ernstfall dominieren die politischen Kalküle die Kultur. Manche Übereifrige wollen gleich Tschaikowski aus den Konzertsälen und Dostojewski aus den Bibliotheken verbannen. Das befriedigt vielleicht das eigene Bedürfnis nach moralischer Überlegenheit, ist aber ziemlich unreflektiert und zeugt von einer fundamentalen Geringschätzung der Kunst. Denn nicht die spektakulären Ausladungen und flächendeckenden Boykottmaßnahmen, sondern die humanen Ansprüche der Werke, denen sie sich verpflichtet fühlen, kompromittieren letztlich die umstrittenen Künstler.

So problematisch es ist, wenn autoritäre Politik und Kunst eine innige Verbindung eingehen, so prekär ist die Tendenz, Kunst vorrangig nach politisch-moralischen Gesichtspunkten zu beurteilen. Charakterstärke ist so wenig ein Garant für ästhetische Dignität wie die richtige ideologische Position. Vor allem dürfen wir nicht vergessen, dass Kunst selbst dann widerständig sein kann, wenn sie vereinnahmt wird. Darin liegt ihre tragische Größe. Der Komponist der Stunde wäre eigentlich Dmitri Schostakowitsch, der unter Stalin litt und trotz allem das unmenschliche Sowjetsystem repräsentierte. An ihm ließe sich dieses fatale, nun wieder so virulente Ineinander von politischer Verstrickung und kreativem Eigensinn musikalisch beispielhaft erfahren. Aber wer will solche Töne heute noch hören?