Sprache verrät viel über die Mentalität der Sprechenden. Wo der Mensch in Deutschland sich lediglich "beklagen", "beschweren" oder vielleicht "jammern" kann, da haben der Österreicher und die Österreicherin einen weitaus größeren Besteckkasten zur Verfügung. Wir können alles, was die Deutschen können, und obendrein "seiern", "motsckern", "sudern", "raunzen" oder schlicht befinden, dass die Situation wirklich eher "unleiwand" ist. Wenn wir also etwas gut können, ist es, uns leidzutun.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten"), alles Wissenwerte über ihn und von ihm gibt es unter http://www.severin-groebner.de
Severin Groebner ist Kabarettist und Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten"), alles Wissenwerte über ihn und von ihm gibt es unter http://www.severin-groebner.de

Beschimpfen sich auch Jugendliche gegenseitig als "Du Opfer!", weiß man hierzulande - spätestens mit der anbrechenden Aduleszenz - "Opfer" ist eigentlich keine Schmähung. "Opfer" ist ein Titel.

Das gilt natürlich nur, solange es keine tatsächlichen Opfer gibt.

Wenn das Nachbarland unserer Nachbarländer überfallen wird, Wohnhäuser bombardiert werden, Menschen ohne Strom, Wasser, Lebensmittel und Medikamenten in U-Bahnschächten hocken, hören sogar wir zum Sudern auf. Und helfen.

Und das ist gut so. Es gibt einem selber das Gefühl, wenigstens irgendetwas tun zu können, angesichts eines wahnsinnig gewordenen Judokas und Hobbyhistorikers, der in seiner Freizeit dem größten Flächenstaat der Welt vorsitzt. Und wenn man diese Welle an Hilfsbereitschaft betrachtet, gibt es einem obendrein auch ein bisschen den Glauben an die Menschheit wieder. In der Krise zeigt sich eben der Charakter.

Das gilt freilich auch für jene Menschen, die einen ganz besonderen besitzen.

Die ehemalige österreichische Außenministerin Karin Kneissl etwa. Eine Person mit erstaunlich beweglichem Rückgrat. Unvergessen sind die Bilder, als sie bei ihrer eigenen Hochzeit einen formvollendeten Knicks vor einem zufrieden grinsenden Gewaltherrscher hingelegt hat. So unterwürfig hat das nicht einmal der ehemalige Präsident der Wirtschaftskammer hinbekommen. Die Frau hat Talent.

Und das ist nicht ihr einziges. Denn sie ist auch Opfer. Das hat sie zumindest RTL erzählt. (Nein, das steht nicht für "Russia Today Light").

Ihr Leben sei zerstört, hat sie der gar nicht so interessierten Öffentlichkeit mitgeteilt. Sie unterliege einem "Arbeitsverbot", weil sie von allen Seiten bedrängt werde, ihre Kontakte zu unschuldigen Firmen wie Rosneft einzustellen. Nur weil das ein halbstaatlicher russischer Ölkonzern ist und von einem der engsten Mitarbeiter Putin geleitet wird, muss man da doch nicht gleich den Job hinschmeißen. Erst recht nicht bei einem kolportierten Gehalt von 500.000 Dollar (ob am Tag, in der Woche oder im Jahr ist nicht klar) für unsere schwer leidende Tänzerin und Exministerin. Wegen dem bisschen Bruch von Völkerrecht und ungerechtfertigten Angriffskrieg zieht man doch nicht gleich persönlich Konsequenzen. Deshalb sitzt sie jetzt auch in Südfrankreich, die Arme. Mit nichts als Putins Gunst. Mehr wäre ihr nicht geblieben, so klagt diese bemitleidenswerte Person, weshalb sie auch ein "politischer Flüchtling" sei.

Da können die Ukrainer, die jetzt mit nichts als einem Koffer in der Hand an der Grenze stehen, sich was abschauen: So geht Opfer! Denn ärmer als die Kneissl ist niemand. Außer vielleicht Gerhard Schröder.