Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Eine Glosse zu verfertigen, fällt in diesen Tagen schwer. Denn dazu bräuchte es Humor, manchmal Galgenhumor, aber wenn es nicht einmal mehr dazu reicht und jeder Scherz angesichts der Brutalität, die wir gerade erleben müssen, blanker Zynismus wäre, was bleibt übrig? Allenfalls Erinnerungen. Erinnerungen als Archiv der Möglichkeiten. Als kleiner Beitrag zur zukunftsgreifenden Fantasie, die das, was war (oder wofür man es hielt), als Utopie neu auflegen könnte.

Natürlich ist, was mir dazu einfällt, subjektiv und durch den Zufall des Geburtsdatums bedingt. Mythologische Orte. Manche hat es vielleicht nur im Märchen gegeben, und doch sind sie zum Symbol geworden. Bagdad etwa. Es war 1976, als ich in San Francisco in einem recht unaufgeräumten Antiquariat in der Columbus Avenue eine Erstausgabe von Herb Caens "Baghdad-by-the-Bay" fand, erschienen 1949, als erste Sammlung dieses Kolumnisten, der über Jahrzehnte täglich den Zauber und den Irrsinn seiner Stadt beschrieb. Illustriert, 65 Dollar, Zustand "near fine". Aber warum, um alles in der Welt, San Francisco als Bagdad? Viele haben sich mit diesem Rätsel beschäftigt. Die Lösung war der Rückblick auf das goldene Zeitalter, in dem diese irakische Metropole Weltgeltung an Bildung, Wissenschaft und Pluralität besaß, ein Jahrtausend vor unserer Zeit.

Das las ich dann in Enrico’s Café, dem Treffpunkt von allerlei urbanen Bohemians und Kulturtypen, unter ihnen eben auch Herb Caen. Im Hintergrund verhaltener Bebop. Ringsherum San Francisco und die Bay Area, ein Hotspot an Bildung, Pluralismus, Lebensart. Es war die Zeit, als wir allen Ernstes die Idee diskutierten, einen Kredit aufzunehmen und in Beirut eine Zweitwohnung zu kaufen - im "Paris des Nahen Ostens".

Es war die Zeit, als man von Freunden Briefe aus Kabul erhielt, wo sie das unternahmen, was man heute Sabbatical nennt. Ich will auf die Motive nicht näher eingehen, aber man konnte es, einfach nach Kabul reisen, in eine Zauberstadt. Aber das war dann im Dezember 1979 auch vorbei. 1976 war aber auch die Zeit, in der man sich noch, wie die alten Reisepässe zeigen, an Europas Grenzen, etwa nach Portugal, Spanien, Polen oder der damaligen Tschechoslowakei, ausweisen musste. Die Franco-Diktatur war gerade ein Jahr vorüber, die Nelkenrevolution in Portugal lag wie der Wahlsieg von Karamanlis in Griechenland erst zwei Jahre zurück. Später dann fielen die Grenzen, trockneten die Stempel.

Es wurde selbstverständlich, zwischen Rom, Athen, Lissabon und Wien zu pendeln oder in Zelazowa Wola ein Chopin-Konzert zu besuchen. So selbstverständlich, dass man zunächst entfernte Ziele wie Buenos Aires oder Mauritius in den Blick nahm - und in manchem Thekentraum gar Timbuktu, Weltkulturerbe immerhin. Die noch ausstehenden Ziele in Europa könnte man ja dann immer noch im Alter besuchen, unter ihnen diese Stadt mit der zweitberühmtesten Treppe der Welt: Odessa.