Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Nein, lustige Zeiten sind das gerade wahrlich nicht. Trotzdem musste ich dieser Tage sehr lachen, als ich eine wunderbar böse Karikatur in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" sah. Sie zeigt ein Kind mit gefalteten Händen, das betet: "Bitte töte Wladimir Putin. Danke." Darauf wird es von der Mutter streng ermahnt, man dürfe Gott nicht um den Tod eines Menschen bitten. Darauf das Kind: "Ich habe zum Corona-Virus gebetet."

Spontan fiel mir dieser riesige Tisch ein, an dem der russische Präsident sich vor dem Krieg mit seinen Untergebenen - nun ja, sagen wir: beraten hatte. Und der ja offenbar nicht nur die solitäre Machtstellung Putins demonstrieren sollte, sondern vor allem seiner panischen Angst vor dem Corona-Virus geschuldet war. Ja, Putin scheint sich vor etwas zu fürchten, und das passt nun so gar nicht zu den Bildern, die man sonst von ihm kennt: Putin mit nacktem Oberkörper zu Pferd oder beim Fischen, Putin im Tarnanzug mit Kalaschnikow, Putin als zäh kämpfender Judoka, Putin als böse dreinblickender Weltenbrand-Zündler.

Es ist eine seltsam aus der Zeit gefallene Männlichkeit, die uns da entgegentritt. "Toxisch" nennt man die heute gerne, wobei Putin in jüngster Zeit eher botoxisch aussieht, irgendwie künstlich, auf dem Weg in Richtung Berlusconi. Überhaupt ist dieser Krieg und das Drumherum ja auch ein Kampf der Bilder. Da steht die altbackene Virilität Putins gegen die melancholisch angehauchte Entschlossenheit des Wolodymyr Selenskyj, eine irgendwie nach 1980er Jahre miefende Ministertruppe in Moskau gegen eine noch im Krieg perfekt die sozialen Medien bespielende Riege in Kiew. Im Krieg der Bilder steht der Sieger längst fest, aber Bilder sind halt nur Bilder.

Bei den Oligarchen hingegen ist das nicht ganz so leicht. Klar, so ein feister Dicker wie Alischer Usmanow (der am bayerischen Tegernsee vulgo Lago di Bonzo residiert) entspricht in etwa dem, was man sich unter einem rücksichtslosen In-die-eigene-Tasche-Privatisierer von Volkseigentum vorstellt. Aber wenn ich dann in die traurig blickenden Augen des Roman Abramowitsch schaue, denke ich, der sieht so knuffig aus, der muss doch auf ehrliche Weise an sein Geld gekommen sein.

Und überhaupt: Immer und überall sind nur Männer zu sehen. Wäre die Welt nicht vielleicht doch eine bessere, friedlichere, wenn mehr Frauen etwas zu sagen oder einen Haufen Geld hätten? Doch dann sehe ich auf Instagram Soyeon Schröder-Kim, die Gattin des deutschen Ex-Kanzlers Gerhard Schröder (auch so ein toxischer Mann) als betende Madonna von Moskau. Und ich denke, naja, ob diese Hoffnung nicht vielleicht doch eine trügerische ist?