In der Loos Bar in aller Ruhe einen Wodka Martini trinken, um so wenigstens für ein paar Augenblicke lang den Wahnsinn zu vergessen, der draußen vor der Tür vor sich geht, ist auch schon einfacher gewesen als gerade jetzt. Gerade jetzt muss der Mensch sogar beim Saufen fürchterlich aufpassen, dass er nicht unabsichtlich voll ins Fettnäpfchen tritt.
Luis Buñuel ist nicht nur jener Jahrhundertkünstler gewesen, der in der Frühzeit des Kinos durch einen Kurzfilm berühmt geworden ist, in dem einer jungen Frau der Augapfel mit einer Rasierklinge durchgeschnitten wird, Luis Buñuel war vielmehr auch ein lebenslanger Verfechter der nachhaltigen Berauschung im gepflegten Ambiente. In den 50er Jahren und wohl auch mangels interessanter Beschäftigung in Europa wollte Luis Buñuel in einem übel beleumdeten Stadtteil von New York City die teuerste Bar der Welt eröffnen. Das Lokal sollte "Zur Kanonenkugel" heißen und Tag und Nacht geöffnet haben. Immer, wenn ein reicher Zecher eintausend Dollar versoffen hatte, was heute zum Trinkgeld des Oligarchen gehört, aber damals eine unglaublich hohe Summe war, sollte ein Gehilfe des Barkeepers vor dem Lokal einen möglichst lauten Salutschuss abfeuern. Buñuel fand es lustig, dass nicht nur die katholische Kirche, sondern auch der gehobene Alkoholiker seine Wunder mit Pauken und Trompeten feiern sollte. Die Bar "Zur Kanonenkugel" wurde nie eröffnet. Luis Buñuel kam dann doch wieder beim Kino unter.
Darf man es lustig finden, dass ich als politisch korrekter Alkoholiker beim Wodka Martini mittlerweile auf polnischen Wodka bestehe, um nicht einmal beim Trinken in den Verdacht zu geraten, ein heimlicher Putin-Versteher zu sein? Oder ist das einfach nur blödes Gehabe und hilft keinem auf der Welt, außer dass es meine Nerven beruhigt, aber dafür den Kellner nervt?
Billy Wilder, ein Österreicher, der in Polen geboren wurde und in Berlin seinen Beruf entdeckte, bevor er vor den Nazis nach Hollywood flüchten musste, um dort mit den lustigsten Filmen aller Zeiten weltberühmt zu werden, dieser Billy Wilder hat einmal gesagt, dass ihm völlig egal ist, wer durch seinen Witz beleidigt ist, solange nur die Pointe stimmt. Lange hing dieser Spruch über meinen Schreibtisch. Jetzt habe ich ihn abgenommen. Wir leben im Wahnsinn. Das ist Witz genug. Nur halt leider stimmt die Pointe nicht.