Ich sag es gleich: Ich liebe die Geisteswissenschaften. Sie sind wunderbar, formschön, von vielerlei Gestalt und in höchstem Maße notwendig. Auch wenn das schon mal ein ehemaliger Finanzminister anders gesehen hat. Aber Finanzminister ist - wenn man sich die Ermittlungen gegen die letzten paar Vertreter dieser Spezies anschaut - scheinbar ein Beruf für Menschen, die lieber im Dunkeln munkeln, als sich dem Licht der Aufklärung stellen. Die Geisteswissenschaften dagegen leuchten gerne aus. In die dunkelsten Ecken der menschlichen Existenz richten sie ihren Scheinwerfer und betrachten dort die Metrik isländischer Lyrik des 10. Jahrhunderts, die Hermeneutik der Beistrichsetzung bei Kant oder die Rolle des Alkohols in Picassos blauer Periode. Die Geisteswissenschaft versucht im täglichen Kampf mit einer ihr überlegenen Realität ständig, den Lack der Zivilisation auf den Menschen aufzutragen. Auch wenn der bei der nächsten Gelegenheit gleich wieder ab ist.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten"), alles Wissenwerte über ihn und von ihm gibt es unter http://www.severin-groebner.de
Severin Groebner ist Kabarettist und Autor ("Lexikon der Nichtigkeiten"), alles Wissenwerte über ihn und von ihm gibt es unter http://www.severin-groebner.de

Auch gibt es Dinge, deren Existenz wir nahezu ausschließlich der geschützten Werkstätte des geisteswissenschaftlichen Betriebs verdanken, wo sie einer zarten tropischen Pflanze im Gewächshaus gleich überwintern konnten, während sie im rauen, kalten, windigen Alltag schon längst dem Vergessen anheimgefallen sind. An dieser Stelle möchte ich innehalten, eingedenk des Genitivs.

So schön, nützlich und der Herzensbildung zuträglich sie ist, die Geisteswissenschaft, ist sie eines nie: exakt.

Das Auswirkung philosophischer Traktate lassen sich nicht in Grad messen, die Geschwindigkeit der Verbreitung der Dialektik nicht in km/h und auch die Kraft der Wirkung des musikalischen Kontrapunkts nicht in Watt darstellen. Im Gegenteil kommen drei Wissenschaftler bei gleichlautender Fragestellung gerne zu 23 unterschiedlichen Ergebnissen. Und das auf nur 1.500 Seiten.

Bedenklich wird es erst, wenn sich die Politik einmischt. Da wird plötzlich aus der schön blühenden Schlingpflanze mit tausend Verästelungen eine vielköpfige Hydra mit tödlichem Atem.

Womit wir bei Präsident Putin wären.

Die Vorstellung, eine Ethnie, eine Nation, eine Bevölkerungsgruppe würde nicht existieren, nur weil man sie im 19. Jahrhundert nicht auf der Landkarte findet, ist in etwa so schlau, als würde man behaupten, in der Partei XY gäbe es keine Korruption, weil der Vorsitzende das behauptet.

Wenn sich andere Staaten der Argumentation des russischen Präsidenten bedienen würden, dann könnte auch Österreich in Tschechien einmarschieren. Oder Großbritannien in Irland. Oder die Türkei in Syrien... nein, das ist jetzt ein schlechtes Beispiel. Norwegen etwa wurde knappe 500 Jahre von Kopenhagen aus regiert und trotzdem würden dänische Soldaten heute in Oslo sicher nicht als Befreier begrüßt werden.

Und doch taugt die schöne Geisteswissenschaft der Geschichtsschreibung leider dazu, alles zu begründen, was man möchte, solange man nur konsequent alles weglässt, was einem nicht passt.

Nur dann ist das nicht mehr Wissenschaft, sondern Märchen. Oder Propaganda.

Und wissen Sie, wer uns den Unterschied erklären kann, zwischen dem einen und dem anderen?

. . . Genau.