Sollen russische Künstler und Sportler nur dann im Westen auftreten dürfen, wenn sie Putins Invasion verurteilen? Ein heikles Thema, aufs Erste erschien mir sogar ein genereller Boykott sinnvoll, schließlich muss alles getan werden, um den Angriffskrieg zu beenden und den russischen Präsidenten zu isolieren. Aber so einfach ist es nicht.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Dass Politiker die Nähe von erfolgreichen Künstlern und Sportlern suchen, um etwas von deren Glanz abzubekommen, soll auch in den Demokratien des Westens vorkommen. Die Politik ist da wie dort darauf bedacht, Künstler und Sportler zu vereinnahmen.

Die Kunst und den Sport uno actu zu behandeln, kann daher nicht falsch sein. Beginnen wir mit der berühmtesten Künstlerin, die nun im Zentrum der Debatte steht: Anna Netrebko. Für Putin hat sie einst Wahlempfehlungen abgegeben, in der Ostukraine posierte sie vor einigen Jahren mit einer Fahne der Separatisten. Jetzt teilt uns die russisch-österreichische Sopranistin mit, dass sie zwar gegen den Krieg ist, pocht aber "auf das Recht eines Künstlers, unpolitisch zu sein". Als Opernhäuser die Zusammenarbeit mit ihr beendeten, sagte sie von sich aus die nächsten Auftritte ab.

Der russisch-deutsche Pianist Igor Levit meinte hingegen, es sei inakzeptabel, sich nicht eindeutig gegen die Politik eines Mannes zu stellen, der einen Krieg gegen ein anderes Land anzettelt. Er eröffnete ein Konzert in Brüssel mit der ukrainischen Hymne. Andere russische Künstler folgten ihm.

Von der Kunst zum Sport. Dass alle Fußballbegegnungen auf der Ebene von Weltmeisterschaften, Champions League etc. abgesagt wurden, war eine leichte Übung. Heikler ist die Frage, wie mit jenen Russen verfahren werden soll, die in Einzelsportarten wie Tennis antreten. Daniil Medwedew, einer der zurzeit erfolgreichsten Tennisspieler, darf weiterhin an Turnieren teilnehmen, allerdings scheint seine Nationalität auf den Ergebnistafeln nicht auf. "Ich stehe für den Frieden auf der ganzen Welt", erklärte er nach einem Turnier. In Marseille siegten im Doppel Andrei Rubljow und Denys Moltschanow: ein Russe und ein Ukrainer. In Dubai schrieb dieser junge Russe nach seinem Sieg "No War Please" mit Filzstift auf die TV-Kamera - anstatt des üblichen Autogramms. Aber vielleicht ist es nicht sinnvoll, das Thema anhand von Einzelpersonen abzuhandeln. Jeder Fall ist unterschiedlich. Russland ist eine Diktatur, die Medien dürfen das Wort Invasion nicht verwenden, wer für den Frieden demonstriert, wird verhaftet, Facebook und Instagram sind verboten. Ein Russe, der vom Westen aus Putin kritisiert, muss befürchten, dass in seiner Heimat die Familie drangsaliert wird.

Der britische Sportminister hat neulich verlangt: Zu Wimbledon dürfen nur jene Tennisspieler einreisen, die sich klar gegen Präsident Putin positionieren. Das wäre übler Gesinnungsterror: "Nur wenn uns deine Meinung passt, darfst du bei uns spielen!" Ich finde: Medwedew soll überall Tennis spielen dürfen, er tritt nur für sich selbst an. Anna Netrebko ist ein komplexer Fall. Im Zweifel bin ich für die Kunst und gegen Boykotte.