Es gibt Menschen, die gehören eindeutig zu den Kriegsgewinnern. Da der Krieg - für viele über Jahrzehnte ein Abstraktum - aber real geworden ist und längst nicht nur in unseren Köpfen wütet, sollte man diese Metapher mit Bedacht wählen. Auch (oder gerade weil) das satte Plus bestimmter Wirtschaftszweige einer ökonomisch simplen Logik folgt: Knappe Ware wird teuer. Fehlende Rohstoffe erzwingen Ausweichmanöver. Und alles, was sich digital herstellen, lagern, transportieren, verkaufen und konsumieren lässt, ist auf der Gewinnerstraße unterwegs.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Das gilt auch für Kulturgüter. Insbesondere Inhalte, die man sich abseits von Bühnen, Lichtspieltheatern und Konzertarenen zu Gemüte führt. Ganz privat. Insofern war die Überraschung nicht sonderlich groß, als die Musikindustrie neulich ihre aktuellen Jahreszahlen veröffentlichte: Ihr Umsatz ist 2021 weltweit um 18,5 Prozent gewachsen. Streaming, Baby! Da müssen keine Lastwägen mehr in Bewegung gesetzt werden, der Rubel - der Metaphern-Katalog muss dringend überarbeitet werden! - rollt. Dass sich hier wieder einige Damen und Herren eine goldene Nase verdienen, kommt leider nur bedingt den eigentlich schöpferisch tätigen Urheberinnen und Urhebern zugute. Die schlagen sich mit ausgefallenen Konzerten, uralten Verträgen, dem Hype-Mysterium NFT, Vinylengpässen und "Fair Pay"-Formularen herum. Und haben zwischendurch kaum Zeit, sich über ihre Abrechnungen von YouTube, Spotify & Co. zu wundern. Tue ich als Verlagsmanager und Labelbetreiber auch schon lange nicht mehr. Wie das mit Bewegtbild, also Filmen, TV-Dokus und Videos, aussieht, werde ich bald feststellen können. Aber ich erwarte auch hier nicht viel mehr als einen warmen Händedruck. Abseits des Kunstgroßhandels ist systematisch kaum Geld zu verdienen - viele von uns (ich meine: der Großteil der Film- und Musikbranche) sitzen längst in der Falle des Prekariats samt vorgespannter Subventionsmaschinerie.

Die schlauen Füchse versuchen also, möglichst ohne Mittelmänner an ihr Publikum heranzukommen. Und es zum Griff in die Geldbörse zu bewegen. Ob das abseits der Riesen des Streaming-Business klappen kann und auch wirklich klappt, ist interessant zu beobachten. Ich erinnere mich jedenfalls mit einem gewissen Schaudern daran, dass ich vor vielen Jahren gemeinsam mit ein paar Mitstreitern selbst versucht habe, das Rad neu zu erfinden. Und die "Musiktankstelle" im Museumsquartier installiert habe, eine Art alternatives Download-Service für Pop, Rock, HipHop, Jazz und Avantgarde aus Österreich, deren Produktionen damals großteils nicht digital abrufbar waren. Existiert heute noch, war aber vollkommen bedeutungslos. Insofern wünsche ich dem wirklich schlauen Fuchs Georg Hoanzl alles Gute. Er hat gerade mit "WatchAUT" eine neue Streaming-Plattform für heimische Filme installiert. Ziel ist Verfügbarkeit ("Video On Demand"), bis 2026 sollen eineinhalbtausend Werke abrufbar sein. Hoanzl hat sich ja schon mit DVD-Editionen verdient um die österreichische Filmkultur gemacht, das ist der logische nächste Schritt. Und kostet Nutzern nicht gerade die Welt.

Schauen Sie sich das an! Unbedingt. Denn: übergroße Konkurrenten, die sich "das anschauen" (im Sinne von: zynisch beobachten), gibt es wohl genug.