Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Es gibt Termine, die machen Angst. Man schiebt sie vor sich her, sagt sie ab oder vergisst darauf. Und schon am Vortag verderben sie einem den Tag. Bereits in der Früh muss man daran denken und am Abend davor auch. Sie machen, dass der Kaffee bitter schmeckt und dass einem liebe Menschen auf die Nerven gehen. Zahnarzt ist so ein Termin und Zahnhygiene ist seine kleine, boshafte Schwester.

In dieser, wie dargelegt, negativen Grundhaltung begab ich mich unlängst in die Zahnarztpraxis meines Vertrauens. Angesetzt war eine spezielle Zahnhygiene-Sitzung, die - so wurde mir gesagt - etwas unangenehmer sein werde als normalerweise. Eine mir bis dahin unbekannte Expertin begrüßte mich und führte mich ins Behandlungszimmer. Alles nahm den Verlauf, den ich befürchtet hatte, bis mich die Zahnhygienikerin fragte, ob ich denn Musik hören wolle und - wenn ja - ob ich einen Musikwunsch hätte. Mit dieser Frage brach meine Erwartungshaltung.

Ja, sagte ich, und: gerne. Wenn Sie mich so fragen, bitte das "Das Wohltemperierte Klavier" von Bach, und zwar in der Interpretation von Friedrich Gulda! Es gibt, wie ich finde, keine bessere Version der "Præludia, und Fugen durch alle Tone und Semitonia (...). Zum Nutzen und Gebrauch der Lehrbegierigen Musicalischen Jugend, als auch derer in diesem studio schon habil seyenden besonderem Zeitvertreib": So beschrieb Bach selbst das Werk im Untertitel. Die Sammlung an Stücken ist erstaunlich vielschichtig und eine Art Leistungsschau der Kompositionstechnik. Wie alles richtig Große lässt es sich mit Worten nicht fassen. Ich kann dazu nur sagen, dass sich für mich bereits mit den ersten Tönen des Präludiums Nummer eins eine Tür in einen eigenen Raum öffnet, in den ich treten und mich vor der Welt verbergen kann. Das funktioniert gut, etwa um Texte in lauter Umgebung zu schreiben oder um einen Gedanken in Ruhe fertig zu denken.

Wie ich jetzt weiß, funktioniert es auch gut, um zwei Stunden Schmerzen zu überstehen. Meine Zahnhygienikerin sagte nur: "Kein Problem, ich habe iTunes", und spielte das Stück ab. Momentan öffnete sich mein geschützter Raum und ich huschte hinein. Die Expertin begann zu arbeiten, während Gulda und Bach den Raum erfüllten. Immer, wenn es besonders unangenehm wurde, konzentrierte ich mich wieder auf die Musik. Entspannte mich. Einmal schien mir, ich wäre kurz eingedöst. Zwei Stunden lang schabte, sandstrahlte, schliff und schraddelte die Frau währenddessen in meinem Gebiss herum.

Am Ende ging ich gut gelaunt und mit glatten Zähnen aus der Ordination. Lange schon hatte ich nicht mehr so konzentriert Musik gehört.