Hans-Paul Nosko hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert und lebt als Journalist und Glossist in Wien. 
- © Robert Newald

Hans-Paul Nosko hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert und lebt als Journalist und Glossist in Wien.

- © Robert Newald

Angesichts der Bilder und Nachrichten, die uns der Krieg in der Ukraine täglich ins Haus liefert, fragt man sich: Wo sind die Zeiten, als jene, die sich immer gerne echauffieren, aus einer Fülle vergleichsweise harmloser Themen schöpfen konnten?

Greifen wir nur drei Aufreger der vergangenen Jahre heraus. Da waren - exklusive Wien-Story - die Obdachlosen, die am Praterstern Bier, Schnaps und Wein süffelten: völlig ungefährlich für andere Passanten. Sodann die vielen Touristen auf dem Stephansplatz, die es Einheimischen nur unter Zeitverlust gestatteten, voranzukommen: ein Klacks im Vergleich mit Hallstatt oder Dürnstein. Und schließlich das nicht oder überall oder vielleicht nur teilweise Rauchen in Lokalen: ein gesamtösterreichischer Richtungsstreit.

Inzwischen wurden der Praterstern und seine Umgebung unter großem Politgetöse zur Alkoholverbotszone erklärt, getrunken wird da und dort noch immer und der Schrecken darüber hält sich in Grenzen; den Menschentrauben vor dem Steffl wollten Wiens Fremdenverkehrsverantwortliche allen Ernstes mit einer "Umlenkung" der auswärtigen Gäste über touristisch weniger frequentierte Gegenden (Seestadt? Simmeringer Haide?) zu Leibe rücken - spätestens seit Corona war von der Ausarbeitung entsprechender Konzepte keine Rede mehr, vielmehr steht die Freude über jeden Wien-Besucher den Touristikern seither ins Gesicht geschrieben.

Und was den Nikotinkonsum in Lokalen angeht: Das Thema war nach Einführung des Rauchverbots - halt gut zehn Jahre nach anderen europäischen Ländern - sofort vom Tisch. Der von großen Wiener Denkern beschworene Untergang der Kaffeehauskultur, die seit jeher mit dem blauen Dunst verbunden sei, blieb überraschenderweise aus, und selbst die Erregung über das typisch österreichische Hin- und Hertorkeln zwischen Quadratmeterregelungen, Wahlmöglichkeiten, räumlichen Trennungen und dem schließlich doch allgemeinen Rauchverbot war bald abgeebbt. Wenige Monate später kam dann ohnehin Corona und sorgte, wie anderswo auch, für eine mittlerweile zwei Jahre währende flächendeckende Aufregung.

Und jetzt? Der Krieg hat selbst die Pandemie in unseren Köpfen und auf den Zeitungsseiten nach hinten geschoben. Ein derart elementares Ereignis verändert die Prioritäten. Je näher es uns ist, umso mehr. Und wenn es dann verschiedentlich heißt, man möge doch beginnen, Haltbarbrot und Nudeln einzukaufen, aber bitte nicht hamstern, sich ein Kurbel-betriebenes Radio anschaffen und die Dokumente in einer verschweißten Plastikhülle bereitlegen, dann denkt wohl niemand mehr darüber nach, ob der Nachbar in der Bim die Maske runterschiebt und trotz Verbots von einer absolut geruchlosen Extrawurstsemmel abbeißt.

Im Grunde jedoch wünschen wir uns dringend die Zeit zurück, in der die Aufreger Trinken, Rauchen und zu viele Touristen hießen.