Ein Monat nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine ist die Welt eine andere. Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt, und nach dem ersten Entsetzen gehört er zu unserem Alltag. So furchtbar es ist: Man gewöhnt sich an die Berichte von gefallenen Soldaten, getöteten Zivilisten, zerstörten Städten und fliehenden Menschen. Mit abnehmender Aufmerksamkeit verfolgen wir die Schilderungen der Kriegsreporter, die Reden der Politiker, die Debatten der Intellektuellen. Mit Kennermiene lauschen wir den Ausführungen der Militärexperten und Strategen, die manchem Beobachter noch als letzte Stimmen der Vernunft in den auch ideologisch hochgerüsteten Auseinandersetzungen erscheinen. Und so erfahren wir, was es mit der Nukleardoktrin Russlands auf sich hat: Der Einsatz von Kernwaffen wird in Erwägung gezogen, wenn dieser Staat sich in seiner Existenz bedroht fühlt. Beruhigend ist das nicht.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Die atomare Drohung sorgt dafür, dass die Nato eine direkte Konfrontation mit Russland vermeidet. Die mit großem moralischen Nachdruck von Wolodymyr Selenskyj erhobene Forderung an das Bündnis, dem Aggressor auch militärisch entgegenzutreten, ist aus der Perspektive des überfallenen Landes verständlich. Es bedeutete aber im Ernstfall, für die Souveränität und Freiheit der Ukraine das Leben von Millionen Menschen, die den Massenvernichtungswaffen zum Opfer fallen könnten, in die Waagschale zu werfen. Dazu ist im Westen niemand bereit. Russland weiß das.

Diese Konstellation wird auch jenseits des aktuellen Krieges fatale Konsequenzen nach sich ziehen: Staaten, die sich zu Recht oder Unrecht bedroht fühlen und sich wirksam verteidigen wollen, werden nach dem Besitz der Bombe trachten. Die Rüstungsspirale beginnt sich wieder zu drehen. Nach dem Ende des Kalten Krieges tat man so, als könne man die Gefahr eines nuklearen Schlagabtausches in die Geschichtsbücher verbannen. Das war ein Irrtum.

Das Gleichgewicht des Schreckens, das bislang einen dritten Weltkrieg, wenn auch manchmal nur äußerst knapp, verhinderte, setzt voraus, dass bei allen Akteuren ein Minimum an Rationalität vorhanden ist, das es verbietet, alles Leben auf diesem Planeten zu vernichten. An die Vernunft des Menschen zu glauben und sich dieser auf Gedeih und Verderb auszuliefern, ist jedoch höchst riskant.

Von dem Philosophen Günther Anders, der sich wie kein anderer Intellektueller des 20. Jahrhunderts mit dem monströsen Charakter von Nuklearwaffen beschäftigt hat, stammt die These, dass die Existenz von Kernwaffen schon ihren Einsatz bedeutet. Niemand kann sie übersehen, wer sie besitzt, droht damit, ob er es ausspricht oder nicht. Wer über die Bombe verfügt, ist ihr ausgeliefert. Er muss in letzter Konsequenz bereit sein, sie zu zünden. Die atomare Erpressung macht vor niemandem halt. Der jetzt wieder viel diskutierte Einsatz "taktischer Kernwaffen" kann diese Logik nicht suspendieren.

Erleben wir gerade eine historische Zäsur? Die eigentliche Zeitenwende vollzog sich nach Anders schon im August 1945, markiert durch den Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki. Seitdem ist der Menschheit nur noch eine "Frist" gewährt, da die Selbstvernichtung der Gattung eine militärtechnische und damit politische Option darstellt. Der Krieg in der Ukraine und die in ihm angelegte Eskalation der Gewalt zwingen uns dazu, diese Reflexionen in Erinnerung zu rufen. Günther Anders, der 1992 in Wien verstorbene und nahezu vergessene Warner vor der atomaren Apokalypse, könnte sich als jener Denker erweisen, der sich auf der Höhe unserer tief gefallenen Zeit bewegt.