Irene Prugger, geboren 1959, Schriftstellerin und freie Journalistin, lebt in Mieming in Tirol.

Irene Prugger, geboren 1959, Schriftstellerin und freie Journalistin, lebt in Mieming in Tirol.

Ich liebe es, meinen Enkelkindern Kinderbücher vorzulesen, und sie lieben diese gemütlichen Stunden ebenfalls. Wir kuscheln uns zusammen und sehen mit lustvoller Angst der drohenden Gefahr entgegen: Heute ist es ein Fuchs, der es auf Gänse abgesehen hat. Gleich wird es passieren, nur noch einmal umblättern, ich sehe das unvermeidliche Blutbad schon vor mir. Kein Wunder, schließlich wurde ich noch mit Kinderbüchern sozialisiert, in denen das Böse gnadenlos zupackte und -biss.

Kinder fressende Hexen und Gänse fressende Füchse gehörten dazu, mitunter recht drastisch illustriert: das zähnefletschende, grimmig blickende Raubtier auf dem Weg zum Stall oder nach bereits erfüllter Mission, mit der leblosen Gans oder einem zerrupften Huhn im Maul. Vom Gleichgewicht des Schreckens konnte da keine Rede sein, das Schreckliche war übergroß, und wenn auch zumeist das Gute siegte, so wurde auf dem Weg zur friedlichen Lösung doch viel Schaden angerichtet.

Während die Kinder noch aufmerksam die Zeichnungen ihrer Bilderbücher betrachten, kommt mir ein Zitat in den Sinn: "Wir müssen uns auf eine Welt einstellen, in der das Recht der Gänse leider nicht auch für wildere Tiere gilt." So drückt es der deutsche Politikwissenschafter und USA-Experte Josef Braml aus, dessen Buch "Die transatlantische Illusion" (C.H. Beck) tatsächlich in hohem Maße desillusionierend wirkt, weil es die geopolitische Lage und die neue Weltordnung schonungslos beleuchtet. Es erklärt die Bedrohung Europas und der demokratischen Werte aufgrund des angeschlagenen Zustands und sozialökonomischen Zerfalls der USA, die sich auf den wirtschaftlichen Machtkampf und das politische Kräftemessen mit Asien konzentrieren und sich - je nach Präsidentschaft - mehr oder weniger konsequent als Schutzmacht Europas verabschieden.

Um nicht das Recht des Stärkeren walten zu lassen, müssen die Gänse lernen, für ihre Interessen einzustehen, und sich Verteidigungsstrategien gegen die Füchse und sonstige Bedrohungen zurechtlegen. Eine schwierige Aufgabe, aber mit Zielstrebigkeit und Zusammenhalt vielleicht zu schaffen.

Die Gänse, Hühner und Hasen in den Büchern meiner Enkel haben es einstweilen einfacher, sie leben in einer Welt, in der man Füchsen und Wölfen zwar nicht von vornherein trauen kann, aber sich die Großmächte zumeist freundlich zeigen, ihre Übermacht nicht ausspielen und selber von ihrer "humanen" Haltung profitieren. Zum Beispiel in "Der Fuchs, der keine Gänse beißen wollte" des Autors und Illustrators Sebastian Loth und in Heinz Janischs "Und dann kam der Fuchs" kommen die Füchse in vegetarischer und friedlicher Mission.

Den Kindern und mir gefällt es, dass die Friedfertigkeit gewinnt - und nicht das Gesetz des Stärkeren herrscht. Aber vielleicht wird sich eines Tages auch in der Kinderbuchwelt zeigen, dass die Raubtierversteher letztlich nicht allzu viel verstanden haben.