Es ist die Kluft zwischen Vision und Wirklichkeit, die mich so zukunftsmüde macht. Sie ist abgrundtief. Und manchmal ist man fast dankbar dafür. Greifen wir auf ein bedrückendes Beispiel aus der Waffentechnik zurück (und ich bin, bei Gott!, kein Militarist): Während gewisse Kreise davon schwärmen, was mit Drohnen samt künstlicher Intelligenz, für das Radar unsichtbaren Stealth-Bombern und anderen milliardenteuren Hightech-Gerätschaften alles möglich sei an "Kriegserfolgen", scheitert die russische Armee akut an Treibstoffmangel, Desorganisation und desolaten Nachschubwegen. "Es ist gut möglich", lese ich in einem Fazit der "Neuen Zürcher Zeitung", "dass die Invasoren auch deshalb nicht das ukrainische Handynetz ausgeschaltet haben, weil sie selber auf die Kommunikation per Smartphone angewiesen waren - inklusive Zugriff auf das Kartenmaterial von Google".

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Ein Desaster. Man hat die zerlumpte Geisterarmee von Napoleon vor Augen (um nicht auf Beispiele aus der jüngeren Geschichte zurückgreifen zu müssen), wenn man die missinformierten jungen Zwangsrekruten in ihren rostigen Stahlsärgen imaginiert, die jetzt irgendwo in der Pampa feststecken. Und erinnert sich an Einstein: "Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der Dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im Vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen." Das muss wohl der Fortschritt sein, dessen sich die Menschheit gerne rühmt. Die Wahrheit ist: Wissenschaft und Technik entwickeln sich rasant, während die Chefetagen und ihr Wahlvolk (sofern Wahlen stattfinden) stur auf dem Stand von Troglodyten verharren. Und die Prügel immer größer, mächtiger, tödlicher werden. "Die Russen" sind in dieser Hinsicht keine anderen Naturen als wir selbst.

In diesem Kontext plädiere ich dafür, eine Gedenkminute für Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow einzulegen. Er war ein ehrenvoller Militär der russischen, Pardon: damals noch sowjetischen Streitkräfte - und hat den Dritten Weltkrieg verhindert. Wie das? Indem er am 26. September 1986 eigenmächtig das automatisierte System eines atomaren Gegenschlags außer Kraft setzte. Computer hatten Sonnenspiegelungen als US-Raketenangriff interpretiert, Petrow entschied als Mensch dagegen. Man sollte allerdings einrechnen, dass maschinelle Intelligenz damals nur sehr rudimentär entwickelt war - und in der Regel die Putins dieser Welt die Hand am Drücker behalten.

"Dumme Führer" wurden auch an prominenter Stelle genannt, als anno 2017 50 Nobelpreisträger zu den zehn größten Bedrohungen für die Menschheit befragt wurden. Überbevölkerung und Umweltzerstörung durch den Klimawandel zählen klarerweise dazu, aber auch ökonomische Ungleichheit, Fundamentalismus, Pandemien und eben die latente Gefahr eines Atomkriegs. Nicht genannt: Börsen-
crashes, Flüchtlingswellen oder "Oscar"-Skandälchen, immerhin. An achter Stelle der Apokalypse-Charts firmiert erstaunlicherweise Künstliche Intelligenz. Der knapp nach der Umfrage verstorbene britische Physiker Stephen Hawking reihte sie noch weiter vorne. Stichwort: Killerroboter.

Womit sich der Kreis schließt: Die sind schon da (fragen Sie mal den Geheimdienstexperten oder Waffenhändler Ihres Vertrauens!), verrotten und verrosten aber hoffentlich bis zu ihrem (un)geplanten Einsatzdatum in den Lagerbunkern. Oder finden gar keine Menschen mehr vor, die sie ungerührt killen könnten.