Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Bei all diesen Gräueln und den apokalyptischen Bildern des Krieges ist es wirklich verständlich, wenn man einmal abschalten will. Also schaltet man ein: das abendliche Fernsehprogramm, zur Erholung. Prime Time: Mord, Totschlag - aber am Ende gesühnt.

Und immer präzis nach 90 Minuten, egal an welchem Tatort, in Wien, Hamburg, Köln, Münster, Zürich, Dortmund, im Schwarzwald, Saarbrücken, Stuttgart, Dresden, Göttingen, Bremen, Wiesbaden, Berlin, Frankfurt, Mainz, Kiel, Ludwigshafen, Weimar, in Salzburg, Bozen, am Bodensee und, wie mich ein aufmerksamer Leser dieser Kolumne aufklärte, tatsächlich doch auch am Semmering.

Also praktisch überall. In ungezählten Wiederholungen, ja in Retro-Serien, wie jetzt in der restaurierten Fassung die Wiederauflage von Schimanski, dem ersten Dortmunder Kommissar, der wie Columbo schmuddelige Kleidung trug. Für die, die ein wenig kosmopolitischer denken, auch jenseits der deutschsprachigen Grenzen. Vor allem Schweden, mit dem Versprechen: "düster und spannend", weil dort die Mord-Kulisse sehr gern in fahlen Grün- und Grautönen gehalten ist und es pausenlos regnet. Das ist unterhaltsam, wenn man sieht, dass man mit dem Sauwetter nicht alleine ist. Es "ermitteln" zum Beispiel Annika Bengtzon oder Kommissar Bäckström. Die kannten wir schon als Kinder unter den Namen Eva-Lotta Lisander und Kalle Blomquist. Denn, ehrlich gesagt, ist das ja alles nichts Neues. Wenngleich Kalle, Eva-Lotta und auch Kästners Emil Tischbein und Pony Hütchen noch eher auf Diebstahl und Betrug spezialisiert waren, die sie, wie Kinder nun mal sind, listig und für die Betrüger eher lästig, aufklärten. So fing das an.

Apropos Schimanski usw. und alles nichts Neues: Für die, denen all das Morden zu viel wird, gibt es ja schon lange Bullerbü für Erwachsene, also diese Produktionen, die meist in sonnigen englischen Landschaften spielen, wo die Protagonisten in Oldtimern herumkreuzen und sich am Ende nach unglaublichen Verwirrungen kriegen - also bekommen, damit keine Missverständnisse entstehen.

Es gibt aber auch weitere schöne neue Formate: Thomas Gottschalk meldete sich, zunächst versuchsweise, mit "Wetten, dass..?" zurück. Ein Riesentheater auch um "Verstehen Sie Spaß?". Offensichtlich hat der Algorithmus, der Programmvorlieben abtastet wie Kommissare und Kommissarinnen die Profile von Wanderschuhen der Verdächtigen, ermittelt, dass am besten geht, was früher ging. Folgerichtig wird angekündigt, dass Harry Wijnvoord demnächst wieder mit "Der Preis ist heiß" aufschlagen wird. "Es ist eine logische Schlussfolgerung, dass die Sendung zurückkehrt", wird der Moderator zitiert. Es würde mich nicht wundern, wenn auch Clemens Wilmenrod (postum, aber mithilfe einer KI reanimiert) erneut zu Tisch bittet, damit wir wieder lernen, wie Toast Hawaii geht.

Danach kann man zum Gruseln ja noch einen Blick in die Spätnachrichten werfen.