Als ich letzte Woche an dieser Stelle argumentierte, dass es nicht sinnvoll wäre, die gut eingeführten Ortsnamen Kiew, Charkow und Odessa auf Kyjiw, Charkiw und Odesa umzustellen, habe ich meine persönliche Meinung wiedergegeben. Wenige Tage später bekam ich den Hinweis, dass gerade ein Buch zu diesem Thema erschienen ist: "Breslau oder Wroclaw? Das Begriffspaar Endonym/Exonym als Kernthema der Kritischen Toponomastik". Mit dem Untertitel: "Wie politische Haltungen den Gebrauch geographischer Namen bestimmen". Der Autor, Universitätsprofessor Peter Jordan, ist als österreichischer Experte Mitglied internationaler Gremien zur Festlegung und Standardisierung von Ortsnamen.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Ich habe das wissenschaftliche Fachbuch, erschienen im Stuttgarter Franz-Steiner-Verlag, mit großem Interesse gelesen. An einigen Stellen wird historisch argumentiert. Warum sagen wir Brügge und Lüttich statt niederländisch Brugge und französisch Liège? Die Städte spielten als Handelsplätze eine Rolle, außerdem war Belgien im 18. Jahrhundert Teil der "Österreichischen Niederlande". Umgekehrt: Warum sagen wir Opatija, Rijeka und Split statt Abbazia, Fiume und Spalato? Mit Vertreibung der Italiener zu Ende des Zweiten Weltkriegs verlor die Verwendung der italienischen Namensformen ihren realen Hintergrund.

Offensichtlich ist es auch ein Kriterium, ob wir Endonyme, also die vor Ort geltenden Namen, im Deutschen leicht aussprechen können. Vor allem bei Namen aus slawischen Sprachen baut sich eine Barriere auf: Wer kann Kyjiw richtig aussprechen? Und wer würde bei richtiger Aussprache wissen, um welche Stadt es geht? Mit Kiew tun wir uns leicht. Englische und französische Ortsnamen verkraften wir hingegen auch im Original.

Hinzu kommt: Exonyme, wie beispielsweise Lemberg, sind relativ stabil, während sich das entsprechende Endonym allein in sechs Dezennien von polnisch Lwów über russisch L’vov zu ukrainisch L’viv verändert hat. Die im Deutschen gängigen Varianten haben auch den Vorteil, dass von ihnen Personennamen und Adjektive gebildet werden können: der Laibacher, die Laibacherin, die Laibacher Burg. Probieren Sie das mit Ljubljana!

In einem E-Mail gab mir Peter Jordan zusätzliche Informationen zur ukrainischen Thematik. Die seit 2012 von den Vereinten Nationen approbierte Umschrift des ukrainisch-kyrillischen Alphabets ist, anders als die vorherige, keine zielsprachenneutrale Transliteration, sondern eine phonetische Transkription mit der Zielsprache Englisch. "Österreich, Deutschland, die Niederlande, Tschechien und Kroatien haben damals dagegen gestimmt, weil wir nicht wollten, dass zwischen der Umschrift des Russischen und des Ukrainischen unnötige Diskrepanzen entstehen. Wir haben uns damit das Recht erworben, bei der alten Umschrift zu bleiben. Interessanterweise hat damals Russland für die neue Umschrift gestimmt."

Also: Kiew, Charkow oder Odessa entstammen wohl dem Russischen, sind aber lexikalisch deutsch und gebräuchliche Elemente im Deutschen. Daraus eine Sympathie für die russische Sache hinsichtlich der Ukraine-Invasion abzuleiten, ist Unsinn.