In wenigen Tagen feiere ich Geburtstag. Einen runden. Ab einem bestimmten Alter ist das weniger ein Anlass für frischfröhliche Feiern, mehr schon ein Grund für Lebensbilanzen, Standortbestimmungen und Sentimentalitäten. Man überlegt etwa: Wer oder was hat mich über Jahrzehnte begleitet? Worin lagen wirkliche Freuden, Herausforderungen, Erfüllung? Und was hat mich wirklich im tiefsten Inneren interessiert (und wird das voraussichtlich bis ans Lebensende tun)?

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Nun habe ich nicht vor, hierorts meine intimsten Erkenntnisse auszubreiten. Aber wie der Zufall so spielt, trudelte eine Werbebotschaft in mein Radar. "The legend keeps spinning!", hieß es da. Mit einer "50 Years Anniversary Limited Edition" feiere die japanische Hifi-Marke Technics den runden 50er ihres wohl berühmtesten Produkts. Oder, exakter: Der Produktlinie, der auch jener Plattenspieler (ja, es handelt sich um einen Plattenspieler!) angehört, der rasant zum Symbol der DJ- und Popkultur aufstieg. Und es erstaunlicherweise heute noch ist - als eine Art Ikone des Analogen inmitten einer durch und durch digitalisierten Welt. Okay, das ist doch etwas überzeichnet, schließlich fummelt der Mensch als Wesen aus Fleisch und Blut immer noch gerne an physischen Objekten herum. Und kann die Wahrnehmung nicht komplett in Nullen und Einsen zerlegen - auch wenn schon, zunehmend ungeduldig, das Metaversum als neue Spielhölle und Parallelwelt winkt und am Ärmel zerrt.

Ein Plattenspieler ist für die Jünger der Cyberclans freilich ein trotziges Fanal. Ein mechanisches Steinzeit-Monster. Eine einzige Provokation. Hier ist es eine Reinkarnation des Urmodells SL-1200, die gleich ins Auge fällt. Es gibt sie nämlich auch in quietschbunt. Ich könnte mir also den Dreher in meiner Lieblingsfarbe Gelb selbst zum Geburtstag schenken - und eines meiner zwei SL-1210-Arbeitspferde auf Ebay stellen. Die Dinger erzielen ungebrochen Spitzenpreise, weil unkaputtbar und zeitlos in ihrer Funktionalität. Jeder Plattenspieler, der heute erzeugt wird (und Vinyl hat ja eine erstaunliche, bei genauerer Betrachtung nachgerade unmögliche Renaissance erlebt), muss sich an diesem Standard-Tool mit Direktantrieb messen lassen.

High Fidelity als Lebensthema begleitet mich schon sehr lange. Es ist wohl einer Art von Selbstkonditionierung zu verdanken, dass ich seit frühen Jugendtagen - als ich mir die Nase an den Schaufenstern von Elektrogeschäften plattgedrückt habe - eine nachhaltige Faszination für die Wiedergabe von Tonaufnahmen empfinde. Und letztlich hat diese Faszination auch eine Gegenkopplung mit der Mehrzahl der Berufe, die ich schon ausgeübt habe (oder noch ausprobieren will), vom Radiomacher über die Musikproduktion bis hin zum Initiator und Mitbetreiber eines kleinen Plattenladens. Da steht übrigens auch ein 1200er-Technics drin. Standardgerät, wie gesagt.

Und weil irgendjemand sicher murmelt, wie das mit der Spotify-Playlist zusammengeht, die der Gröbchen gerade von seinen Lebensfreundinnen und -Freunden kollektiv zusammentragen lässt: Musik steckt allemal auch in anderen Dingen, Konzepten und Geräten drin. Aber sie erreichen nur selten die Intensität des Moments, als ein damals zwölfjähriger Stöpsel das erste Mal die Single "Far Far Away" von Slade auf den Plattenteller legte.