"extra"-Ressortleiter Gerald Schmickl.

"extra"-Ressortleiter Gerald Schmickl.

"Ich will eine heile Welt, die eine Weile hält", sang die Wiener Promi-Gruppe Familie Lässig noch zu Beginn des Jahres auf ihrem neuen Album. Nun denn, lange hat sie nicht gehalten. Das ändert aber nichts an dem ehrenwerten Wunsch, vergrößert ihn vielmehr noch. Die Sehnsucht nach einer heilen Welt steigt mit jeder Nachrichtensendung. Da diese dort aber nicht eingelöst werden kann - ganz im Gegenteil -, müssen andere Instanzen aushelfen, die Lücke zu füllen.

Denn selbstverständlich gibt es ein Recht auf Eskapismus, wie auch der deutsche Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer in einem ("Zeit"-)Interview im Hinblick auf die Ereignisse in der Ukraine bestätigt: "Ich empfehle, innezuhalten und sich einzugestehen: Ich halte das nicht mehr aus, und ich muss mich davor schützen - ich schalte den Fernseher aus und setze mich damit nicht mehr auseinander (...) ich finde, das ist ein gesunder Selbstschutz. Man muss so tun, als wäre die Lage normal, auch wenn sie das nicht ist."

Man muss den Fernseher dafür aber vielleicht gar nicht ausschalten, sondern nur umschalten. Gut, dann empfängt einen dort, wie Kollege Holger Rust an dieser Stelle erst kürzlich treffend festgehalten hat, das mörderische Angebot der internationalen Unterhaltungsindustrie, mit ihren Tatorten in aller Welt - bis in die entlegensten Alpentäler hinein.

Nun scheint das nur auf den ersten Blick paradox, weil es sich dabei ja vielleicht auch um eine paradoxe, also therapeutische Intervention handeln könnte. Denn nahezu alle gezeigten TV-Kriminalfälle, auch und gerade die brutalsten, werden aufgeklärt - und stellen somit verlässlich und regelmäßig wieder Normalität her. Diese indirekte Erlösungsfunktion, könnte - laienanalytisch gesprochen - die rituelle Wiederholung des inszenierten Serien-Gemetzels erklären (helfen), die Abend für Abend auf fast allen TV-Kanälen zelebriert wird.

In manchen Serien, hauptsächlich englischen Landadel- oder französischen Lavendelkrimis, ist der Übergang zu bukolisch-heilsamen Landschaftsidyllen, wie man sie aus Inga-Lindström-Schmonzetten kennt, sowieso fließend. Und dann ist man auch schon rasch beim "Traumschiff", das an diesem Ostersonntag in ORF und ZDF in Mauritius anlegen wird, also denk- und dankbar weit entfernt von aktuellen Kriegsschauplätzen.

Der Bedarf an weiteren weit entfernten Destinationen wird noch steigen, wie generell - und da kommt uns Florian Silbereisen wie gerufen - am deutschen Schlager. Denn keine Branche versteht sich auf die Fabrikation heiler Welten derart gut und treffsicher wie dieses Unterhaltungsgewerbe. Da ausgerechnet jetzt Helene Fischer in Babypause ist, vergrößert sich der Markt für die Konkurrenz - von Andrea Berg bis Melissa Naschenweng. Und wer über das Genre die Nase rümpft, dem bleibt immer noch Ulrich Seidls neuer Film "Rimini", in dem die Schlagerseligkeit in die deprimierende Herbstzeitlosigkeit des oberitalienischen Badeortes eingebunden und damit ästhetisch neutralisiert wird.