Hin und wieder klicke ich Facebook an und finde etwas äußerst Interessantes. Zum Beispiel ein Posting von Günter Kaindlstorfer. Der Ö1-Journalist kritisierte eine Formulierung in Christoph Winders Krisenkolumne "Da muss man durch" in der Samstagausgabe des "Standard". Kaindlstorfer schrieb, mit einer durchaus wohlwollenden Einleitung: "Christoph Winder ist einer meiner Lieblingskolumnisten. Brillanter Schreiber. Aber dass er sich in seiner aktuellen Kolumne zur Formulierung ,an Ostern‘ hinreißen lässt, versetzt mir doch einen Schlag in die Magengrube." Innerhalb kurzer Zeit gab es gefühlte hundert Kommentare, nicht wenige Poster kamen der Aufforderung, sich zu entrüsten, nach. "Das geht nicht!" Oder: "Das Piefke-Kauderwelsch schleicht sich ein."

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Ich muss zugeben, dass auch für meine Ohren "an Ostern" fremd klingt. Ich bin auf "zu Ostern" konditioniert. Aber ich kenne Christoph Winder seit vielen Jahren, habe mit ihm gemeinsam ein Buch geschrieben, staune immer wieder, dass er sich als Vorarlberger solide Kenntnisse des Wienerischen angeeignet hat.

Natürlich bin ich sofort zu seiner Verteidigung ausgerückt: In Österreich sagt man "zu Ostern", aber Vorarlberg und sogar Teile Tirols ticken anders: Unter dem Einfluss der Schweiz und Süddeutschlands sagt man dort "an Ostern". Ich rege mich also nicht auf, wenn ein Vorarlberger in einer überregionalen Zeitung "an Ostern" schreibt.

Wir haben es in diesem Fall mit einer merkwürdigen regionalen Verteilung zu tun. In der Schweiz und in Süddeutschland heißt es "an Ostern", in der ehemaligen DDR und in Norddeutschland heißt es "zu Ostern". Der überwiegende Teil Österreichs geht also konform mit Berlin und Hamburg.

Gleiches gilt für andere kirchliche Feiertage, nicht nur für Ostern, sondern auch für Weihnachten, Pfingsten und Silvester. Wir sagen also in Wien auch "zu Weihnachten" und nicht wie die Münchner "an Weihnachten". Wenn es um die Religion oder um Volksbräuche geht, kennen wir keinen Spaß.

Auch in Berlin sieht man das so. Als ein für Stadtentwicklung zuständiger Politiker in einer Pressekonferenz "an Ostern" verwendete, war das dem "Berliner Tagesspiegel" einen längeren Beitrag wert. "Diese Wendung passt natürlich nicht zu Berlin, schon gar nicht zum historischen Berlin. Sie klingt in unseren Ohren fremd und ungeschickt, sie klingt auch nicht hochdeutsch. Doch falsch ist sie nicht." Der Politiker stamme eben aus Nürnberg. "Es hat mit seinem heimischen Dialekt zu tun. Unsereiner sagt: zu Ostern. Das ist norddeutsch und hat sich in der Hochsprache durchgesetzt."

Mit Dialekt hat es wenig zu tun. Für einen Berliner ist "zu Ostern" hochdeutsch, also Standard, für einen Nürnberger ist "an Ostern" hochdeutsch, also Standard.

In gleicher Weise ist "an Ostern" für Christoph Winder nicht Dialekt, sondern Teil seines Standardvokabulars. Die Kontroverse auf Facebook fand übrigens ein versöhnliches Ende. Günter Kaindlstorfer reagierte auf mein Posting mit einer noblen Geste: "Ich nehme alles zurück. Winder ist Vorarlberger und hat aus seiner Sicht vollkommen korrekt formuliert."