Jetzt springt auch noch Ferrari auf den fahrenden Zug auf. Dabei ist seit Jahr und Tag klar, dass die Lok in die falsche Richtung fährt - knapp vor dem Ende der Verbrenner-Ära will man aber offenbar noch mal in den Profit-Bahnhof einlaufen. Und zwar mit Karacho. Oder die eigene Geschichte gleich an die Wand fahren, mit einer Extraportion Grandezza.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Es ist jedenfalls so, dass die italienische Sportwagenmanufaktur jetzt auch einen SUV baut. "Purosangue" soll das Modell heißen, Vollblut. Der Kreislauf wird von einem Turbo-Sechszylinder angeheizt, der optional auch als Hybrid erhältlich ist. Experten vermuten über 700 Pferdestärken Systemleistung. Also exakt das, was die Welt gerade dringend braucht. Oder eventuell auch nur der greise Oligarch, der das Rein-Raus-Spiel bei windschlüpfrigen Limousinen nicht mehr ohne Verrenkungen schafft. Wobei seit jeher klar ist, dass es beim SUV-Boom vorrangig um eine ältere Klientel geht. Hier gehen Kaufkraft, zunehmende Gebrechlichkeit und der ewige Wunsch nach Luxus, Potenz, Stärke und subjektiver Sicherheit eine unheilige Allianz ein. Die gehobene Sitzposition dürfte bei der Kaufentscheidung noch wichtiger sein als der große Hubraum. In gewisser Weise kann ich das nachvollziehen. Ich habe mir gerade einen fahrbaren Untersatz ausgeborgt, der ein Durchschnittsauto par excellence ist. Einen Kia Ceed SW 1.5 T-GDI mit Mildhybrid-Motor. Das ist ein Kombi, er liegt tief - inzwischen recht ungewohnt, ja fast mühsam! - und streckt sich lang. Der Koreaner wurde unlängst von Experten zum "Fleet Car of the Year" gewählt. Sprich: Damit fahren unzählige Handelsvertreter, Versicherungsmakler und sonstige Eben-nicht-Bürohengste durch die Gegend. Eventuell mit vollgepacktem, familientauglichem Kofferraum. Ich wollte partout wissen, wie es sich nach einer Testreihe Elektro-Racer anfühlt, wieder einmal in einem "normalen" Auto zu sitzen. Nun ja: Man empfindet schon einen Anflug von Konservativismus. Hier funktioniert alles noch so, wie man es über Jahrzehnte hinweg gewohnt war. Andererseits ist selbst ein schnöder Kombi heute auf machtvoller Flitzer gestylt, Kia macht da keine Ausnahme (eher im Gegenteil). Die Armada an unerbittlichen Assistenzsystemen bedeutet mir zusätzlich, dass ich in einem Auto des Jahrgangs 2022 unterwegs bin. Es ist ein Gefühl des Abschieds, das einen begleitet auf jeder Fahrt. Ein Abschied, der insofern nicht leicht fällt, weil man meint, die höchsten Evolutionsstufen dieser nach Benzin duftenden Automobil-Spezies auszureizen. Noch ausreizen zu dürfen.

Die Zukunft der individuellen Fortbewegung liegt dann näher beim EV6 (der gerade in Europa generalistisch zum "Auto des Jahres" gewählt wurde) als beim Flottenbruder. Ob der Stammbaum insgesamt große Chancen hat, noch Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte zu erblühen, lässt sich im Tohuwabohu des Status quo schwerlich prognostizieren.

Ein paralleler Seitenstrang in der Schautafel der Auto-Evolution findet übrigens gerade ein jähes Ende: Der Smart, das gevifte Nischen-Concept-Car des Schweizer Zampanos Nicolas Hayek, wird in Zukunft dito ein ganz normales Vehikel. Ein Elektroauto, das aussieht aus wie ein Biedermann-Mini, gezeugt im Niemandsland zwischen Stuttgart und Peking. Also: eher unsmart.