Über den völkerrechtswidrigen und verbrecherischen Charakter des russischen Angriffs auf die Ukraine herrscht Einigkeit. Dass sich das überfallene Land verteidigt und alles unternimmt, um den Aggressor aufzuhalten, versteht sich von selbst. Allerdings ist die Ukraine in ihrem Kampf um die Bewahrung ihrer Souveränität auf die tatkräftige Unterstützung anderer Staaten angewiesen. Da diese keine formellen Bündnisverpflichtungen eingegangen sind, müssen Wirtschaftssanktionen und Waffenlieferungen vorrangig moralisch argumentiert werden. Die Bedrängten mit jenen Mitteln auszustatten, die es ihnen erlauben, den Krieg fortzusetzen, erscheint als ein Gebot der Stunde. Angeblich, so lesen wir, verteidigen die ukrainischen Truppen nicht nur ihr Land, sondern auch unsere Demokratie und Freiheit. Zauderer, wie der deutsche Bundeskanzler, werden deshalb heftig kritisiert, liegt doch der Verdacht nahe, dass sie aus zweifelhaften Motiven nicht alles tun, was sie tun könnten.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Bei manchen Aktionen ukrainischer Institutionen, die den Druck erhöhen sollen, stellt sich dennoch eine gewisse Irritation ein. Dass über Konzertprogramme nun nicht mehr die dafür Verantwortlichen, sondern die ukrainischen Botschafter entscheiden, hinterlässt ebenso einen schalen Beigeschmack wie die Brüskierung des deutschen Bundespräsidenten, immerhin der oberste Repräsentant eines Landes, von dem man Panzer geliefert bekommen will. Und EU-Mitglieder, die aus der Perspektive der Ukraine zu wenig leisten, mit abwertenden Zensuren zu versehen, zeugt nicht von diplomatischem Feingefühl. Für Höflichkeit und Subtilitäten ist in Zeiten wie diesen wohl kein Platz. Ad infinitum wird die Karte der moralischen Nötigung nicht stechen. Zu viel steht auf dem Spiel.

Politische Gemeinschaften haben - man hört es nicht gerne - Interessen. Diese können in einen Widerspruch zu dem geraten, was die Ethik zu fordern scheint. Dabei gilt: Über Interessen kann man verhandeln; über Gut und Böse nicht. Klar ist: Kein Staat kann ein Interesse daran haben, dass seine Integrität massiv bedroht wird. Diese sollte übrigens unabhängig von der politischen Verfassung respektiert werden. Doch das ist nicht alles. Kein Staat kann zum Beispiel ein Interesse daran haben, von seiner Energieversorgung abgeschnitten zu werden; kein Staat kann ein Interesse daran haben, eine ökonomische Schwächung und damit Verarmung der Bevölkerung längerfristig hinzunehmen; kein Staat kann ein Interesse daran haben, in ein eskalierendes Kriegsgeschehen hineingezogen zu werden; kein Staat kann ein Interesse daran haben, zum Einsatzgebiet für nukleare Waffen zu werden. Bei all dem dürfen wir aber auch jene Lobbys nicht vergessen, die an jedem Krieg ein Interesse haben, weil sie zu den Profiteuren zählen werden.

Viel hängt davon ab, ob Putins Russland einen weltanschaulich geprägten Feldzug gegen den globalen Westen führt oder dem Phantasma einer Renovatio imperii verfallen ist. Im ersten Fall kämpfen die ukrainischen Soldaten tatsächlich stellvertretend für uns, sie materiell und logistisch zu unterstützen, wäre das Mindeste, was diese erwarten können. Im anderen Fall bleibt es eine Frage der Gewichtung, wie viel an geopolitischer Unsicherheit und sozialer Destabilisierung man in Kauf nehmen möchte, um dem Kriegstreiber Einhalt zu gebieten. Man sollte deshalb die Ansicht, dass wir vor heiklen Güterabwägungen stehen, nicht hämisch zurückweisen. Nicht jeder, der ein Für und Wider im Auge hat, handelt verwerflich. Aus der Perspektive der Ukraine mögen solche Überlegungen als Schwäche, Feigheit, vielleicht sogar Verrat gewertet werden. Das ist verständlich. Doch es gehört zum Ernst der Lage, dass es in dieser keine richtigen, sondern nur noch höchst riskante Entscheidungen geben kann.