"Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen." Dieses Karl-Valentin-Verdikt fällt einem ehestens ein, wenn man die Aufregung bilanziert, die gerade um den Kauf der Social-Media-Plattform Twitter herrscht. Elon Musk, der reichste Mann der Welt und zugleich exzentrischer Entrepreneur mit dem Habitus von Dagobert Duck, hat kurz mal in die Portokasse gegriffen. Und ein paar Milliarden Dollarscheine herausgeholt, um sich in Zukunft nicht mehr mit Twitter herumärgern zu müssen. Oder so. Die Spekulationen überschlagen sich, was der Kerl denn nun vorhat. Und ob die Welt, wie wir sie kennen, noch lange steht.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Und kaum meint man, dass alle Varianten durchgespielt sind und niemand wirklich Einblick in fremde Gedankengänge hat, biegt der oder die nächste Medientheoretiker/in um die Ecke, die übernächste Verschwörungstheorie im Talon. Da sich auf Twitter viele Profis der Branche tummeln, sind sie meist nicht ganz unbeleckt von Fachwissen, zugleich aber von erstaunlicher Ignoranz. "Elons Takeover ist wurscht", schrieb etwa des Morgens der Kulturressortleiter einer heimischen Tageszeitung, "aus einem Grund: die gesamtgesellschaftliche Bilanz von Twitter ist ohnehin schon so verheerend negativ, dass nichts zusätzlich kaputtgehen kann." Twitter sei "eine Mischung aus Müllhalde und neuem Medienmacherkoks", wo sich mächtige Kollegen von Mini-Accounts vorführen ließen. Und Meinungsfreiheit mit Marketing verwechselten. Insgesamt würden exakt hier die Diskurs-Ressourcen verschwendet, die der Gesellschaft fehlen.

Das ist natürlich höherer Unsinn. Abgesehen davon, dass es lachhaft ist, die "verheerende" Wirkung von Twitter ausgerechnet auf Twitter zu beklagen (was ja nur die Relevanz der sozialen Medien im Kommunikationsfluss der Gegenwart verdeutlicht), ist die Junkie-Metapher keine valide Entschuldigung. Im Gegenteil. Selbstverantwortung, Baby! Dass sich intelligente Menschen öffentlich gerne zum Trottel machen, ist immer noch eine Facette ihrer Persönlichkeitsstruktur.

Facebook, Twitter, Instagram & Co., ja selbst TikTok sind zu neuzeitlichen Foren geworden, die ein ziemliches Gegengewicht zu den traditionellen Medien bilden. Man muss sie nicht gerade mit sterilem Operationsbesteck der Demokratie verwechseln, aber die Hebelwirkung von Vernetzung und dezentralem, weitgehend ungefiltertem Informations- und Meinungsaustausch ist eine übermächtige. Man darf nicht den Fehler machen, Ross und Reiter zu verwechseln. Musk mag ein diabolischer Charakter sein, er entkommt nur nicht dem Schicksal des Zauberlehrlings. Das Wirkungsprinzip der digitalen Agora gilt - und EU-Gesetze gegen "Hass im Netz" werden es kaum einschränken - auch abseits tölpelhafter "Message Control" und jenseits der Troll-Armeen von Trump und Putin.

Aber die Algorithmen!, höre ich den Einwand. Freilich sind und bleiben die so undurchsichtig (und manipulativ) wie die Entscheidungsstrukturen in den Medienhäusern. Meine These lautet: Solange nicht Künstliche Intelligenz die Perfidie der menschlichen erreicht hat, haben wir noch eine Chance. Transparenz, Aufklärung und Weltverbesserung werden eher durch das anarchistische Social-Media-Gewusel begünstigt als durch Zeitungsmagnaten.