Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Am Rande eines Workshops hatte ich unlängst ein berührendes, wenngleich etwas peinliches Erlebnis. In einer der Pausen kam ich mit einem Kollegen ins Gespräch, der Vater eines Neunjährigen ist und gerade ein zweites Kind bekommen hat. Wir sprachen über die schwierigen und erhebenden Momente des Vaterseins, als er mir eine Anekdote erzählte: Vor kurzem habe er seinen Sohn, um ihn zu trösten, hochgehoben und fest gedrückt. Das Trösten habe gut geklappt, erzählte er, aber schließlich meinte sein Sohn: "Papa, hochheben muss jetzt nicht mehr sein."

Das sei - so der Kollege - zutreffend gewesen, immerhin wiege sein Sohn schon knapp 50 Kilo und das Trösten in dieser Form werde immer mehr zum Kraftakt. In diesem Augenblick sei ihm klar gewesen: Eine weitere Episode war ans Ende gekommen. Mir kamen über die Erzählung die Tränen. Meinem Kollegen auch. So standen wir da, blickten einander in die feuchten Augen und kamen uns - Vater zu Vater - sehr nahe vor, wenngleich insgesamt etwas fehl am Platz. War doch unsere Rührung weit weg vom Inhalt des Workshops, in dem es um Leadership-Prinzipien und um das Erreichen von Geschäftszielen ging.

Dass Episoden unvermittelt zu Ende gehen und wir plötzlich vermissen, was uns lange selbstverständlich schien, ist eine der Besonderheiten des Lebens. Dass nichts bleibt, wie es ist, kann trösten oder schmerzhaft sein. Nachdem es unmöglich ist, den Moment am Forthuschen zu hindern, hilft es, sich zumindest dessen besondere Qualität bewusst zu machen. Genau das versuche ich jedes Mal, wenn mein Fünfjähriger meine Hand ergreift, um mit mir die Stiegen hinunterzugehen oder über die Straße. Ich weiß, dass die Zahl solcher Momente begrenzt ist. Weiß, dass auch diese Episode bald enden und mein Sohn bald schon alleine gehen wird wollen. Ohne meine Hand. Ich weiß, dass das gut so ist und unvermeidbar, doch traurig ist es auch.

Wenn ich die Augen schließe und mich konzentriere, kann ich die Erinnerung an die ersten Momente, in denen er gehen lernte, hervorrufen: der wackelige Stöpsel neben mir und seine kleine Hand in meiner. "Nobody, not even the rain, has such small hands", schreibt der große E.E. Cummings. Und auch wenn dieses Stück surrealer Mini-Poesie ganz anders interpretiert werden kann: Für mich wird es immer ein Gedicht über die Sensation des Elternwerdens und -seins sein. Das Unbegreifliche begreiflich zu machen, ohne es verstehen zu können, darin liegt die Qualität der Poesie.

Vermutlich auch die Ursache für die eingangs geschilderte Rührung. Wie anders sollten wir reagieren, wenn sich die kolossale Realität unserer Vergänglichkeit im anderen spiegelt?