Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Die Fachleute des Marketings nennen es, wenn (nicht nur) junge Leute im Internet unterwegs sind und dort die Orte ihrer Träume aufsuchen (also etwa auf Pinterest, Flickr, Tumblr, Instagram) "customer journey". Eine Reise, von Konsumenten. Weil man natürlich heftigst daran interessiert ist, dass die schönen Dinge, die im Web zu sehen sind, auch in der Wirklichkeit für schön gehalten und gekauft werden.

Und was sich dabei als besonders erfolgreich erweist, wird analog aufwendig inszeniert und zurück ins Netz gepostet, auch so ein hübscher Fachbegriff. Auf der nächsten Customer Journey sieht man dann, was man mit den Dingen so machen kann, die man vorher gekauft hat. Zum Beispiel durch andere ersetzen oder die gleichen Dinge anders ausstatten.

Nun war das aber schon immer so, etwa wenn ganz junge Konsumenten vor Urzeiten Wünsche aus der Schule mitbrachten und ihren Eltern damit drohten, ausgestoßen zu werden, wenn man diese Wünsche nicht erfüllte. Denn: "Alle haben das!" Ich erinnere mich sehr gut daran, wie ich auf diese erpresserische Weise an ein Rennrad gelangte. Das ist lange her, es war die Zeit der Ikonen wie des Wieners Kurt Schneider, des Kölners Hennes Junkermann (auf RUFA, meinem Traum ehedem) oder des Belgiers Eddy Merckx, zu dessen Ehrung von der Fuschlsee Tourismus GmbH seit 2007 jedes Jahr der "Eddy Merckx Classic"-Radmarathon veranstaltet wird.

Das waren noch Rennräder! Mit außenlaufenden Bowdenzügen der klassischen Bremsen (Weinmann). Der Lenker war runder und der obere Holm des Rahmens nicht, wie bei aktuellen Modellen, nach hinten abgesenkt, sondern bildete eine horizontale Linie, die sich in der Ausrichtung des Lenker-Vorbaus fortsetzte. Die Schaltmechanik, bei den frühen Modellen dieser Bauart entweder aus der in Padua gegründeten Firma Campagnolo oder, später, vom japanischen Konkurrenten Shimano, klemmte am unteren Rahmen. Der Sattel war natürlich von Brooks, und wenn man die Maschine alltagstauglich machen, also sich bei dreckigem Straßenzustand nicht die Schulkleidung versauen wollte, gab es farblich korrespondierende filigrane Schutz-"Bleche" aus Plastik.

Und nun gibt es all das wieder, weil im Netz die Klassiker fröhliche Urständ’ feiern. Da wird gepostet, als sei die Zeit nie vergangen, neue Kaufoptionen blühen auf, denn Rennräder sind wieder Statussymbole. Und doch, hmm.

Wenn man genau hinsieht, sind die meisten Vintage-Produkte neueren Baujahrs keine echten Klassiker, denn sie haben keine Schaltung. Nix mit Campagnolo oder Shimano und 21 Gängen durch drei Zahnradreihen vorn und sieben hinten. Es sind "Singlespeeds" oder auch "Fixies", und das auch noch ohne Freilauf. Dem Himmel sei Dank, dass es für die gealterten Roadies von damals immer mehr Shops gibt, in denen authentische Vintage-Rennräder angeboten werden. Ohne Schutzbleche übrigens, denn für den Alltag haben wir heute E-Bikes.