Nehmen wir einmal an, bei der "Millionenshow" im ORF wird Ihnen folgende Frage gestellt: "Was ist Clickbaiting? A: ein Biss durch einen tollwütigen Hund; B: eine defekte Computertaste; C: eine schonende Form des Angelns; D: eine reißerische, ungerechtfertigte Überschrift im Internet."

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Es ist eine einfache Frage; und bei einfachen Fragen ist meist die Antwort D richtig. Aber ich bin mir sicher: Sie hätten es ohnedies gewusst.

Ein prägnantes Beispiel für Clickbaiting fand ich neulich auf der Website der Gratiszeitung "Heute". Die Überschrift lautete: "Armin Assinger blamiert sich mit Frage zu Willi Resetarits!" Was, schon wieder? Das darf doch nicht wahr sein! Im Detail konnte man lesen: "Am Montag gab es in der ORF-‚Millionenshow‘ einen peinlichen Fauxpas. Armin Assinger stellte eine Frage zu Willi Resetarits, so als würde er noch leben!"

Na, so was! Der Moderator hat nicht gewusst, dass Willi Resetarits verstorben ist? Große Entrüstung!

Die Frage hat gelautet: "Welcher Austropop-Star feierte - wie sein ehemaliger Klassenkollege Joesi Prokopetz - im März seinen 70. Geburtstag? A: Rainhard Fendrich; B: Willi Resetarits; C: André Heller; D: Wolfgang Ambros." Jeder weiß: Prokopetz textete viele Ambros-Hits, vom "Hofa" bis zum "Zentralfriedhof", die richtige Antwort kann also nur "Wolfgang Ambros" lauten.

Aber damit die Entrüstung perfekt ist, schiebt "Heute" noch eine langwierige Erklärung nach: "Am 24. April starb Musiklegende Willi Resetarits an den Folgen eines Unfalls in seiner Wohnung. Die Austropop-Szene trauerte. Auch die 22. Verleihung des Amadeus Awards am Freitag startete mit einer Hommage zu Ehren von Willi Resetarits alias Ostbahn-Kurti." Der Verstorbene wurde also geehrt, und Armin Assinger hat es nicht mitgekriegt!

Erst dann macht "Heute" eine Kehrtwende: Nicht Assinger hat sich blamiert, die Redaktion ist schuld, denn "angesichts des jüngsten Todesfalls erscheint die Aufgabenstellung äußerst pietätlos." Und im letzten Absatz wird alles zerstört, was bisher geschrieben stand, die gesamte Meldung löst sich in Luft auf: "Die ‚Millionenshow‘ für den ORF wird allerdings in Deutschland voraufgezeichnet. Die Sendung dürfte also noch vor dem Tod von Willi Resetarits produziert worden sein." Also ist niemand schuld, und niemand hat sich blamiert.

Ein Clickbait - vom englischen Wort "bait" (Köder) - soll den neugierigen Leser dazu bringen, eine Meldung anzuklicken. Die reißerische Überschrift gibt dem Leser gerade genügend Informationen, um ihn neugierig zu machen, aber sie reicht nicht aus, um seine Neugier zu befriedigen. Die Überschrift ist keine Zusammenfassung des Inhalts, wie es sonst üblich ist, sondern ein Köder für den Leser. Der wirtschaftliche Hintergrund: Es geht natürlich darum, höhere Zugriffszahlen und mehr Einnahmen durch Internet-Werbung zu erzielen.

Die Volkspartei Niederösterreich hat jüngst "kostenlose Muttertagspostkarten auf Samenpapier" angepriesen. Ob die Internet-User in einem derart irreführenden Umfeld eine Werbeeinschaltung überhaupt wahrnehmen? Oder klicken sie sofort verärgert weg?