Dies ist eine Todesanzeige. Trauer ist spürbar, wenn auch nicht allerorten. Apple hat verkündet, die Produktion des iPod einzustellen - und für jene, die gar nicht mehr wissen, was das eigentlich war, sei festgehalten: Ohne dieses Ding sähe der Musikkonsum des 21. Jahrhunderts wohl deutlich anders aus. Der US-Digitalindustriegigant hat zwar den MP3-Player als Gattung nicht erfunden, aber anno 2001 mit dem ersten ikonischen Musikkästchen mit Drehrad (das später mehr und mehr schrumpfte) weitgehend definiert. Der Grund für die Kindesweglegung mehr als 20 Jahre später sei schlichtweg, so der zuständige Apple-Verkäufer Greg Joswiak, dass heute sinnbildlich in jedem Smartphone ein iPod steckt. Und ein eigenes Gerät überflüssig geworden sei.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Das macht mich dann doch ein wenig sentimental. Denn mir ist dieses technisch-sinnliche Objekt - ich besitze einige iPods unterschiedlicher Generationen - ans Herz gewachsen. Es zeigte, im Gegensatz zu umständlich zu befüllenden und bedienenden frühen Konkurrenten, dass Null/Eins-Zahlenketten wirklich sexy sein können. Und eine Jukebox in der eigenen Hosentasche eine Freiheit versprach (und dieses Versprechen auch halten konnte) wie knapp zwei Jahrzehnte davor der Walkman. Das war lange vor Streaming. Mit der zugehörigen Software - iTunes - hadere ich heute noch, und dass Apple die MP3- bzw. AAC-Files strikt an die Geräte band und keinen freien Datenverkehr zuließ, ist ungebrochen mühselig. Zugleich war das aber der Schmäh, die konservativen Plattenfirmen für sich zu gewinnen - indem man ihnen eine legale, elegante und - last, but not least! - ertragreiche Form digitaler Warenwirtschaft in Aussicht stellte. Es funktionierte. Ohne iPod gäbe es heute wohl kein Spotify, kein Deezer, Quobuz, Tidal, Amazon Music oder SoundCloud. Und Apple Music wahrscheinlich auch nicht - obwohl der Tech-Gigant immer eine besondere Affinität zu Populärkultur besaß.

Es gibt da dieses berühmte Foto, wo Apple-Guru Steve Jobs in jungen Jahren im Schneidersitz in seinem weithin leeren Wohnzimmer sitzt, im Hintergrund eine Stereoanlage, rings um sich ein paar Plattenhüllen, in der Hand eine Tasse Tee (oder so). Ich fand das jedenfalls sehr aussagekräftig. Als ich Jahre später, schon im Dienst der Musikindustrie, das Titelbild einer Fachzeitschrift sah, das schlichtweg ein schnödes Mobiltelefon zeigte und dazu titelte "Ist das die Zukunft des Musikbusiness?", war mir klar, dass es vorbei war mit der analogen Romantik von gestern. Jobs’ Job war es, der Vision ein freundliches Gesicht zu geben. Und letztlich war der iPod auch nur eine hochspezialisierte Vorstufe des iPhone. Die letzten Modelle, die ab sofort im Abverkauf sind, können auch fast alles, was ein Smartphone kann - außer sich in das Mobilfunknetz einklinken. Freilich ist der "iPod Classic" mein ewiger Favorit. Dass Audio-Spezialisten, darunter Sony, weiter auch reine Musikplayer bauen (darunter sehr teure High-End-Geräte), zeigt immerhin, dass Distinktionstrieb, Qualitäts- und Produktfetischismus beständige Nischen sind.

"iPod also bin ich", hat einmal einer der profiliertesten Musikjournalisten Englands, Dylan Jones, ein Buch benannt. Das Ding sei für ihn eine Art Sexspielzeug. Kommen wir jetzt alle in das Alter, in dem Sex nur mehr eine Erinnerung ist?