Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien. 
- © Robert Newald

Hans-Paul Nosko lebt als Journalist und Glossist in Wien.

- © Robert Newald

Als in meinem Bekanntenkreis ruchbar wurde, dass ich, gemeinsam mit zwei Freunden, eine Reise nach Sachsen plante, kam umgehend die Frage auf, wie wir uns dort verständigen wollten und ob wir denn bereits ein Wörterbuch gekauft hätten. Hatten wir nicht.

Unser erstes Ziel war Zittau, eine Stadt dicht an der Grenze zu Polen und Tschechien. Vor dem Fall der Mauer trug diese Gegend unter DDR-Bürgern den schmucken Beinamen "Das Tal der Ahnungslosen": Die dortigen Bewohner konnten sowohl UKW als auch TV-Sender aus Westdeutschland nur unter großen Mühen empfangen und waren somit auf die staatlich kon-trollierten Nachrichten angewiesen. Seit der Wiedervereinigung sind die Einheimischen zumindest in puncto Medienversorgung den Wessis gleichgestellt.

Die Stadt, nach Einwohnern so groß wie Krems, birgt eine Vielzahl stattlicher Bürgerhäuser - viele prächtig in Stand gehalten, andere erbärmlich verfallen - und einige wunderbare Esslokale. In eines davon kehrten wir an unserem ersten Abend ein, natürlich mit dem Wunsch, etwas typisch Regionales zu uns zu nehmen.

Prominent verzeichnet war auf der umfangreichen Speisekarte Teichlmauke - das Nationalgericht der Oberlausitz (auf Wunsch mit Furzwulle). Typischer geht’s nicht, sagten wir uns und bestellten die eigenwillig benamste Köstlichkeit. "Mit Furzwulle?", fragte der Kellner? Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, und schließlich sind wir keine Warmduscher. Also mit Furzwulle. Dazu ein Pils. Es hätte auch noch Brotabern mit Goalerte oder Stupperchl mit Spaajk-Zwiebeln gegeben. Alles sicherlich nett, aber eben kein Nationalgericht.

Was dann kam, war eine Rindsuppe, in der eine Art Erdäpfelpüree, gekochtes Rindfleisch, Wurzelwerk und Sauerkraut schwammen. Als wir uns an die Etymologie unserer Speise machten, fiel mir ein Foto aus einem deutschen Fußball-Lehrbuch der 1930er Jahre ein, auf dem ein Stürmer "mit der Mauke" schießt. Gemeint war damit ein Kick mit dem Außenrist, wodurch der Ball in eine - für den Tormann schwer zu berechnende - Drehbewegung versetzt wird. Das war mit unserem Suppeneintopf wohl nicht in Einklang zu bringen. Auch die, wie Wikipedia zum gleichlautenden Begriff zu vermelden weiß, bakterielle Hautentzündung bei Pferden war sicherlich nicht der passende Hinweis. Schließlich aßen wir Rindfleisch.

Am ersten Wortteil versuchten wir uns erst gar nicht: Die Teichl die auf der Wurzeralm entspringt und in die Steyr mündet, konnte mit unserer - übrigens äußerst wohlschmeckenden - Speise ebenso wenig zu tun haben. Die Aufklärung lieferte schließlich der Kellner: Mauke ist ein Brei aus gestampften Kartoffeln. Und Furzwulle steht für Sauerkraut. Kenner wissen, warum.

Was Teichl bedeutet, blieb zwar ungeklärt, aber alle, die den Wilden Osten besuchen wollen, können wir beruhigen: In Sachsen kommt man, nette Kellner vorausgesetzt, auch ohne Wörterbuch zurecht.