Hans-Paul Nosko hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert und lebt als Journalist und Glossist in Wien. 
- © Robert Newald

Hans-Paul Nosko hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert und lebt als Journalist und Glossist in Wien.

- © Robert Newald

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als am Ende von Kinovorstellungen geklatscht wurde? Wenn ja, dann haben Sie schon eine Reihe runder Geburtstage gefeiert.

Wenn nein: Das war damals, als es in etlichen Spielstätten noch Garderoben gab, als die Eintrittskarten - entsprechend ihrer Preiskategorie - verschieden eingefärbt waren und einen Datumsstempel trugen, als manche Damen von den hinter ihnen Sitzenden gebeten werden mussten, ihre Hüte zwecks besserer Sicht abzunehmen, als im Gartenbaukino vor dem Hauptfilm die Modenschau lief und als die Verpflegung aus geruchsarmen Bonbons bestand - kurzum: die Zeit, bis in die 1970er Jahre, als der Autor dieser Zeilen noch bangen musste, ob er für einen jugendverbotenen Streifen eines der rosafarbenen oder gelben Billets kaufen durfte (das waren die billigen Plätze ganz vorne) oder ob ihm, da noch nicht 16 Jahre alt, der Zutritt verwehrt wurde.

Noch intensiver als mit einem Schlussapplaus drückte sich früher die Anteilnahme von Kinobesuchern am Geschehen aus, wenn beispielsweise der tapfere Kommissar in unmittelbarer Gefahr schwebte: Wer dann "Pass auf!" oder "Dreh dich um!" rief, wusste zwar genau um die Unmöglichkeit, in die Handlung einzugreifen, war jedoch seinem Helden dermaßen verbunden, dass er nicht anders konnte, als ihn zu warnen. Wie gesagt, alles schon lange her.

Als kürzlich die Maskenpflicht fiel, ging ich nach langer Zeit wieder einmal ins Kino. Auf dem Programm stand "Cittadini del Mondo": Drei römische Pensionisten beschließen auszuwandern, da sie hoffen, im Ausland mit ihrer Rente besser über die Runden zu kommen. Sie informieren sich eingehend über mögliche Reiseziele und klären auch die nötigen Formalitäten einer Übersiedelung ab - trotzdem ist allen im Zuschauerraum bald klar, dass die drei ihr angestammtes Grätzl wohl nie verlassen werden.

Giorgetto gönnt sich ab und zu in einem Tabakgeschäft ein Rubbellos. Er betritt wieder einmal den kleinen Laden - und da passiert im Kinosaal das, was ich schon über Jahrzehnte nicht mehr erlebt habe: Als der Mann, der von 420 Euro Mindestpension lebt, Lose im Wert von 200 Euro verlangt, ruft eine Besucherin ein paar Plätze neben mir gellend "Neiiin!!!", als könnte sie den sympathischen Verlierer im letzten Moment noch davor bewahren, in sein Verderben zu laufen. Die Rubbellose gehen zwar trotz des Protests über den Ladentisch; allerdings hat Giorgetto zu unser aller Beruhigung damit, wie sich herausstellt, auch das begehrte Eintausend-Euro-Los erstanden.

Für all jene, die "Cittadini del Mondo" noch nicht gesehen haben, soll hier nicht verraten werden, wem der Gewinn am Ende zugutekommt. Nur so viel sei noch angefügt: Applaus gab es nach der Vorstellung zwar keinen, aber eine Dame ein paar Reihen vor mir sagte beim Aufstehen sichtlich bewegt zu den Besuchern hinter ihr: "Was für ein schöner Film!"