Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

Was sauber ist, bestimmt das Bewusstsein. Sauber ist in erster Linie, was man selber geputzt hat - insbesondere dann, wenn dieses Geputzte gar nicht mehr richtig sauber wird: Der fleckige Anblick meines Backrohrs lässt das zwar nicht wahrscheinlich erscheinen, aber dennoch wird mein Backrohr immer wieder einmal ordentlich geputzt. Das Rohr ist "sauber", obwohl sich viele Flecken nicht mehr lösen lassen, sondern auf ewig in die Oberfläche eingebrannt sind. Die Sauberkeit meines Rohrs geht sozusagen einher mit der Erinnerung an das Putzen. Würde ich dagegen meine eigene Küche mit diesem Rohr mieten, dächte ich wohl: Da hätte auch einmal jemand putzen können!

Der Schrecken vor dem Keim ist dem Menschen eingepflanzt: Weisen Gläser oder Tassen Gebrauchsspuren durch Andere auf, werde ich nervös. Unwillkürlich stelle ich mir Münder, Lippen und Hände vor, die mein Glas vor mir berührt haben. Meine Kinder haben jahrelang jede Speise in ihre Bestandteile zerlegt, so als ob es mein heimliches Bestreben gewesen wäre, ihnen etwas Ekliges unterzujubeln. Meine Freundin W. ist längst erwachsen, dennoch könnte sie nie etwas essen, das zuvor auf den Küchenboden gefallen ist. Die Keime, die da unten sind, versetzten sie in Angst und Schrecken.

Ich dagegen fürchte, dieselben Keime sind wahrscheinlich auch weiter oben, etwa auf dem Tisch, zu finden. Und wie schnell springt so ein Keim vom Boden auf ein Stück Brot? In den 1980er Jahren gab es erste Studien darüber, dass Bauernkinder weniger häufig Allergien entwickeln, weil ein Kuhstall so voller Keime steckt, dass das Immunsystem ein für alle Mal weiß, was seine Aufgabe ist.

Mir will jedoch scheinen, dass vieles von der körperlichen Robustheit nicht nur auf der physischen Ebene entsteht: W. hat einen Horror vor dem Übel, das in ihren Augen überall auf sie lauert. Bei ihr geht das so weit, dass sie zwar abgepacktes Fleisch kauft, aber nicht mehr, wenn die Haltbarkeitsfrist am übernächsten Tag abläuft. Sie verkürzt die Haltbarkeit selber um zwei Tage. So hält sie es auch bei Joghurt. Ich dagegen verwende auch Sauerrahm noch 14 Tage nach Ablauf der Frist. Wenn W. selbstgemachte Marmelade geschenkt bekommt, wirft sie sie weg aus Angst, dass unsauber gearbeitet worden sein könnte.

Aber W. ist nicht die Einzige in meinem Umfeld, die mehr Wert auf Sauberkeit legt als ich. Auch meine Freundin C. hat Probleme mit dem Boden: Als sie beobachtete, wie einem Bäckerlehrling eine Semmel auf den Boden fiel, die er in den Korb zurücklegen wollte, bestand sie darauf, dass diese Semmel entsorgt würde. Als ich das einer mir bekannten Bäckereiangestellten erzählte, meinte die, der Boden sei das geringste Problem. Die Mäuse seien viel schlimmer ...