Als in Österreich die Pandemie ausgebrochen ist, habe ich mir ein Fahrrad gekauft, weil sowohl der Hausverstand als auch die Ärztin gesagt haben, die Straßenbahn kannst du ab jetzt vergessen und etwas Bewegung ist sowieso gesund für dich. Unzählige Nahtoderlebnisse später tauchen berechtigte Zweifel auf.  Radfahren mag überall auf der Welt grundgesund für Geist und Körper sein. Doch Wien ist anders. Hier ist alles außer dem Auto ein Ärgernis und selbst noch das gemütlichste Flanieren am Fahrrad kann schnell zur Extremsportart werden. Zum Survival-Kurs. Überleben im unwirtlichen Ambiente. Wenn du das nicht am Ringradweg begreifst, begreifst du es nirgendwo. Zumindest nirgendwo so schnell.

"Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist." Die bekannteste Weisheit der Tante Jolesch ist die tägliche Wahrheit der Wiener Radfahrer. Nicht dass wir allesamt Unschuldsengerln sind. Ich habe schon Radfahrer erlebt, die sich in Extremsituationen so aufführen, als ob sie selbst im fetten SUV sitzen und nicht der andere, mit dem sie gerade High Noon gegen die Einbahnstraße spielen. In der besten aller Welten findet der Straßenverkehr miteinander und nicht gegeneinander statt. Wien ist nicht die beste aller Welten. Das zu behaupten, traut sich nicht einmal der Bürgermeister.

Es gibt Wegstrecken in Wien, da fühlst du dich als Fahrradfahrer wie plötzlich bevorzugt von der staatlichen Sterbehilfe. Todessehnsucht ist nichts dagegen. Arschknappes Überleben ist angesagt. Wer das nicht glaubt, darf einmal mitradeln mit mir. Am besten jemand von der zuständigen Behörde. Falls es das überhaupt gibt, die für Radfahrer zuständige Behörde. Ist wahrscheinlich im Homeoffice. Was das bedeutet, haben wir auch gelernt in den letzten beiden Jahren.

Der Weg von der Firma nach Hause führt mich quer durch die Wiener Innenstadt, wo ich zuerst auf Taxler, Touristen, Fiaker und sonstige Fremdkörper achtgeben muss und dann vor der Entscheidung stehe, absolviere ich die letzten 500 Meter risikobereit radelnd auf der viel zu viel befahrenen Straße, die natürlich keine Fahrradspur hat, oder soll ich doch lieber gemütlich am Gehsteig rollen, halt leider auch ohne Fahrradspur. Ich habe mich aus reiner Notwehr gegen das Gesetz und für den Gehsteig entschieden. Seitdem ist mein Blutdruck nicht mehr ganz so hoch. Außer ein Fußgänger rempelt mich an. Die werden nämlich auch immer aggressiver.