Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Gemeinhin gilt es ja als etwas Erstrebenswertes, in einem Restaurant oder einem Beisl oder dergleichen Stammgast zu sein, Habitué, Regular, Regolare. Es vereinfacht viel, wenn die durch Jahre ambitionierter Regelmäßigkeit geschulten Kellner wissen, dass man zum doppelten Espresso einen speziellen groben polymorphen Rohrzucker bevorzugt, was sie dann und wann den Novizen ihres Gewerbes mitteilen, damit er, der Stammgast, regulär versorgt wird und nicht nachfragen muss.

Oft verbindet sich mit diesem Status auch eine bestimmte Etikettierung der Person, im Italienischen oder Österreichischen gern mit der Berufsbezeichnung, sofern diese einen bestimmten Status erahnen lässt. Doktoren- und Professorentitel sowie wichtige wirtschaftliche Leitungstätigkeiten ersetzen den Namen. Was dann bei den seltener anwesenden Gästen gleich für eine feine Orientierung sorgt, die man gleichgültig quittiert.

Nun ist das alles sehr schön, auch die Tatsache, dass es Stammplätze gibt, die (gleicher Wortstamm) von Stammgästen ohne Voranmeldung belegt werden dürfen, wobei das unausgesprochene Privileg gilt, dass andere Stammgäste sich an diesen Tischen mit einer Art Generalerlaubnis ebenfalls niederlassen dürfen. Sind diese Habitués dann auch noch ein wenig berühmt, haben derartige Zusammenrottungen durchaus nicht nur in der Historie ihre tourismusfördernden Funktionen. Da gilt die Regel: Hier sitzen die, die immer hier sitzen. Was zur Kultur des Hauses zählt und zu interessanten Diskursen führt, aber eben auch ein Problem des Stammgastes durchscheinen lässt: Er hat weit weniger Rechte und Gestaltungsmöglichkeiten, als es auf den ersten Blick scheint. Denn ablehnen kann man solche Regeln natürlich nicht, ohne sehr schnell in die Rolle des Sonderlings abzurutschen.

Und noch etwas kann auf die Dauer belastend werden: Eine, wenn auch nur temporäre, Veränderung der Geschmacksnuancen etwa wäre prekär, wenn man einmal, und wirklich nur einmal kosten wollte, wie sich denn der Doppelte mit weißem Zucker machen würde! Beim nächsten Mal herrscht dann Irritation, die man schon dem Mienenspiel der Bedienung ansieht. Was will er nun? Wieder wie immer oder wieder wie beim letzten Mal? Oder gar noch was anderes? Auf jeden Fall geht es nicht mehr so: dass man mit der jovialen berufsbezogenen Anrede und der rhetorischen Frage begrüßt wird: "Wie immer!?"

Dass diese Frage sich wie eine Art Befehl oder wie eine Regieanweisung ausnimmt, ist jedem Stammgast klar, und ängstlich folgt er diesem von ihm selbst verfestigten Libretto. Denn nie würde er es riskieren, mit der Frage angesprochen zu werden: "Was wulln S’ denn heut?", auch wenn das ein wenig höflicher formuliert würde. Diese Frage wäre eine Art Kündigungsschreiben. Es gibt nur eine Lösung: mehrere Stammlokale, in denen man mehrere Habitués verkörpern kann. Die dürfen natürlich nur nichts voneinander wissen.