Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Manche finden ja, die deutsche Sprache sei nicht besonders schön - etwa wenn vom "Bürokratendeutsch" die Rede ist -, sie sei umständlich und kompliziert (weil das Verb in Nebensätzen wie diesem immer erst am Ende kommt), dem Deutschen fehle es schlicht an der Eleganz des Französischen oder Italienischen und an der Prägnanz des Englischen. Besonders gern bemäkelt wird immer wieder die angebliche Neigung der Teutonensprache zu schlimmen Wortungetümen: "Coronafolgenanpassungsmaßnahme", "Mietpreisbelastungsgrenze" usw.

Die Kritik an solchen linguistischen Wuchtbrummen richtet sich zumeist aber eher gegen das mit solchen Wörtern Gesagte als gegen das Wort selbst, das für das Gemeinte ja gar nichts kann. Eine klare Sache von: Man schlägt den Sack und meint den Esel. Schöne neue Wörter können aber auch viel kürzer und deftiger (und natürlich immer up to date) sein: Etwa wenn "Neun-Euro-Horden" und "Maskendeppen" im Zug nach Sylt "rumaerosolen".

Sprich: Menschen, die sich die Nordseeinsel eigentlich gar nicht leisten können, fahren mit dem Billigticket jetzt dort hin, tragen dabei keine Maske oder diese auf halbmast unter der Nase und verseuchen den Waggon mit ihren coronaträchtigen Schwebeteilchen. Also, ich finde die Wortneubildungsproduktivität des Deutschen ganz großartig und freue mich jedes Mal, wenn ich wieder auf etwas Neues stoße. Jüngst etwa wurde ich gefragt, ob ich auch schon eine Löffelliste erstellt hätte. Bitte? Warum sollte ich eine Auflistung der in meinem Haushalt vorhandenen Löffel erstellen? Bis mir erläutert wurde, dass solche Listen jetzt zum guten Ton gehören: aufschreiben, was man alles noch tun will, bevor man besagten Löffel abgibt und ins Grab sinkt.

Oh Gott, dachte ich, die dürfte lang werden; allein schon die Bücher, die ich gerne noch lesen würde; die Wanderungen, die noch zu unternehmen wären; die Länder und Regionen, die ich noch bereisen möchte. Dafür reichen die sieben Leben einer Katze nicht (im Englischen sind es übrigens neun). Außerdem kommt der Tod noch früh genug, da muss ich nicht schon jetzt damit anfangen, meine Tage bzw. das in diesen zu Tuende zu zählen.

Vor allem aber: Was passiert, wenn vieles auf der Liste unerledigt bleibt? Fließt das dann beim Jüngsten Gericht in die Gesamtbewertung ein? Gibt es eventuell sogar Punktabzug? Fegefeuer statt Paradies? Nein, Löffelliste ist eine durch und durch dämliche Wortschöpfung, Ausfluss einer Selbstoptimierungsideologie, die einem das Leben zur Hölle macht und das Leistungsprinzip bis zum letzten Atemzug ausdehnt. Also weg damit ins Wortabfallentsorgungsbehältnis. Oder kurz: ab in die Tonne.