Irene Prugger, geboren 1959, Schriftstellerin und freie Journalistin, lebt in Mieming, Tirol.

Irene Prugger, geboren 1959, Schriftstellerin und freie Journalistin, lebt in Mieming, Tirol.

Vom Krisen- in den Urlaubsmodus schalten, dazu war ich fest entschlossen. Deshalb packte ich das neue Klimakatastrophenbuch nicht in den Koffer, sondern schob es ins Regal zu den anderen Klimakatastrophenbüchern. Es sind nicht wenige. Von utopisch anmutenden Abhandlungen über Geoengineering bis zu radikal-subjektiven Einschätzungen wie Jonathan Franzens "Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?". Ich hörte auf, mir etwas vorzumachen und zu glauben, diese Bücher hätten in meinem Leben Wesentliches geändert, aber ich dachte keinen Augenblick darüber nach, wie viel CO2-Ausstoß man gespart hätte, wären die Bücher zur Klimakrise nie gedruckt worden.

Dann aber packte ich am Strand meine Sommerlektüre aus, einen spannenden Pageturner. Meine Freundin im Liegestuhl neben mir hatte sich in ein eBook versenkt. Sie blätterte nicht, sie scrollte und wischte. Und dann wischte sie mir eins aus, indem sie bemerkte, als Vielleserin sollte ich aus Umweltschutzgründen auch umsteigen. Das war eine Recherche wert. Der Rechner von ClimatePartner klärte uns auf, dass bei Büchern mit 13,0 x 19,0 cm Hochformat, 400 Seiten, 4-farbigem Umschlag, Frischfaserpapier, Klebebindung und einer Auflage von 5.000 Stück ca. 1,36 Kg CO2-Emissionen pro Buch anfallen. Und Dr. Google meinte zu wissen, dass sich ein eBook Reader in der Herstellung beim Kauf von zehn bis 20 Büchern pro Jahr für eine bessere Ökobilanz rechne.

Noch entscheidender aber sei die Verteilung der Bücher. Wie kommen sie ins Lager und zu den Buchhändlern? Wie an die Kunden? Fahren diese mit einem SUV oder einem Fahrrad in die Stadt, um das Buch zu kaufen? Wie viele Zustellversuche benötigt der Paketzusteller? Rechen-Experten ermittelten auch die Nutzungsdauer bei Büchern und daraus die Emissionen pro Stunde unter Berücksichtigung der Lesegeschwindigkeit bzw. der Frage, ob das Buch von mehreren Personen gelesen wird. Dieselben Rechenbeispiele inklusive Herstellung, Transport, Verwendung, Ladung, Betriebsdauer und Entsorgung fanden wir bei eBook Readern, die auch nicht gerade Klimaneutralität für sich beanspruchen können.

Es ist hart, wenn man begreift, dass man nicht einmal klimafreundlich lesen kann. Zumindest hatten wir einen geringeren CO2-Ausstoß als der Klimakiller, der soeben vorbeilief. Jogger produzieren Abwärme und Treibhausgas. Und wo und unter welchen Bedingungen waren seine Laufschuhe produziert worden? War er mit dem Flugzeug oder mit dem Zug angereist? Hatte er zur Stärkung eine mit Containern verschiffte Banane dabei? Dann nahmen wir uns den Eisverkäufer mit seinen Plastiklatschen, dem Kühlwagen und den Styroporverpackungen vor. Klimasünden ohne Ende, ganz zu schweigen von den großen politischen Versäumnissen!

Bevor wir uns ganz verrückt machten, widmeten wir uns wieder unserer Lektüre und vergaßen für eine Weile die schnöde Welt mit ihren vielen Problemen.