Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Oder zum Beispiel: Konzerte. Die hören einfach so auf. Quasi automatisch. Ohne dass man viel darüber nachdenken würde. Sie fallen einfach aus der Realität und sind weg. Kann natürlich an der Pandemie liegen. So wie etwa in diesem Fall: Das Konzert von Voodoo Jürgens - ein Geburtstagsgeschenk - hätte bereits vor ein paar Jahren stattfinden sollen. Aber dann kam Covid, gefolgt von den Absagen des Veranstalters.

Dass Konzerte einen derartigen Seltenheitswert haben, liegt freilich weniger an der Pandemie als am Elternsein. Am Zeitmangel und an der Müdigkeit, die einen am Abend so fest einhüllt, dass man sich gar nicht mehr wirklich bewegen kann. Musik, die einem selber gut gefällt, hört man ohnehin weniger. Viel häufiger aber zum Beispiel den Podcast zur "Sendung mit der Maus" und da wiederum bevorzugt den Song über Grashalme auf Fußballfeldern, den der Fünfjährige so gut findet, dass er ihn beim Anziehen in Endlosschleife hören will. Mit etwas Überreden klappt es auch mit der EAV, mit Abba oder Cats - die Katzenlieder von Andrew Lloyd Webber hängen dann tagelang in den Ohren fest.

Aber nicht an diesem Abend. Denn wir gehen heute aus! So viele Menschen an einem Ort. Bier aus Plastikbechern. Die Lichtmischung aus dunkelblauem Abendhimmel und Bühnenbeleuchtung: schon lange nicht mehr gesehen. Das alles in der Arena, wo sich das frühere Ich gerne aufgehalten hatte. Vergeblich versuche ich, mich daran zu erinnern, welche Band ich hier zuletzt gesehen hatte.

Wie auch immer - Voodoo Jürgens ist richtig gut. Spitzen Show, großartige Musiker, gewitztes Spiel mit der Sprache: Der Liedermacher nimmt einen mit auf eine Reise durch die abseitigeren Winkel Wiens und spielt mit den kleinen Grausamkeiten des Wienerischen. Der Standort an der Seite passt perfekt und ermöglicht ein Zuhören ohne Ohrenstöpsel. Sogar getroffen haben wir jemanden: ein Elternpaar aus der Kindergruppe - so wie wir in freudvollem Ausnahmezustand.

Ganz so frei wie bei früheren Konzerten geht es natürlich nicht. Alle paar Minuten checke ich das Telefon, ob die babysittende Schwester eh keine Schwierigkeiten hat. Tatsächlich geht um 22.27 Uhr eine Nachricht ein: "Schlafverweigerung, meine Vorlesestimme verlässt mich schon." Dem Notruf folgend, verlassen wir das Konzert noch vor der ersten Zugabe. Nächtliche Radfahrt durch die Stadt. Zügig. Hinein ins Haus. Der Bub, hellwach und gut gelaunt: "Hast du auf uns gewartet?" Er nickt. Rüber getragen. Ins Bett gelegt. Eingeschlafen.

Das Konzert ist zu diesem Zeitpunkt bereits wieder weit, weit weg. Aber wir kommen wieder! Spätestens 2027.