Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz? Es gab Zeiten, da stand die deutsche Automarke für ein Platzhirsch-Dasein im gehobenen Segment. Wer einen Mercedes kaufte, erwarb Prestige, Nimbus und Klasse. Entsprechend teuer war es meist auch. Heute gilt das nur mehr bedingt: die Mercedes-Dichte (und auch die der Premium-Konkurrenzmarken Audi und BMW) ist in Wien-Favoriten gefühlt höher als jene von Dacia, Lada oder SsangYong. Autos als sichtbare Ausweise von Prosperität sind weithin in Verruf geraten. Und der Mutterkonzern, die vormalige Daimler-Benz Aktiengesellschaft, erwies sich in den letzten Jahren nicht immer als tritt- und stilsicher, was ihre Modellpalette anbelangt. Dennoch wird man wohl ungebrochen einen Blick nach Stuttgart richten, will man wissen, wie’s weitergehen könnte mit der Automobilindustrie.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Es empfiehlt sich dabei, nicht auf jene Bereiche zu fokussieren, die immer noch und immer wieder als Aushängeschilder fungieren. Also weder hochgezüchtete AMG-Sport-Boliden noch monströse SUVs vom Schlag eines Mercedes GLS. Das sind, sorry to say, fahrbare Untersätze, die so nicht mehr lange existieren werden. Oder vielleicht doch - aber so hoch besteuert, mit Umwelt-Strafzuschlägen bedacht und in ihren ökonomischen und ökologischen Gesamtkosten über die ganze Lebenszeit kalkuliert, dass sich diese Dinosaurier nur mehr Mehrheits-Aktionäre von Energieerzeugern in die Garage stellen wollen werden. Als Erinnerung an die fossile Ära und eine leider recht kurzsichtige Generation.

Nun bin ich gerade trotzig mit einem Mercedes unterwegs. Einem Mercedes Citan. Nie gehört? Es handelt sich um ein wenig glamouröses Nutzfahrzeug; ich habe noch dazu die Kastenwagen-Ausführung gewählt, also mit Blechverkleidung statt hinteren Fenstern. Aufmerksam auf dieses Modell bin ich geworden, weil es mir von den Werbetextern als "Stadtheld" und "gigantischer Small Van" angedient wird - nicht ganz zu Unrecht, um ein Testfazit gleich vorwegzunehmen. Dass dieser Lastesel Gewinner des "International Van of the Year Award" 2022 wurde, überrascht nicht. Bei letztlich immer noch kompakter Größe lassen sich bis zu 2,9 Kubikmeter Laderaum-Volumen vollstopfen, die maximale Zuladung beträgt über 780 Kilogramm. Wenn Autos nicht nur dekadente Bequemlichkeits-Fetischisten durch die Gegend kutschieren sollen, sind das probate Eckdaten. Auf Wunsch erhältlich sind Schiebetüren links und rechts. Ein Luxus an Praktikabilität!

Es gibt den Citan auch in einer Elektro-Variante (wieweit schon lieferbar, habe ich nicht in Erfahrung gebracht). Ich habe freilich - fast schon ungewohnt - Diesel eingefüllt, aber der Motor ist löblich sparsam. Ob er noch in zwanzig Jahren tuckern darf? Profane Nutzfahrzeuge haben ja eine oft erstaunliche Lebensdauer - und, ja, wir werden diese Zukunftskapazitäten schätzen, brauchen und nutzen (auch wenn Amazon angekündigt hat, Pakete ab sofort verstärkt per Drahtesel und zu Fuß zustellen zu lassen).

Insofern ist der Mercedes Citan ein Auto, das mich ohne großes schlechtes Gewissen von A nach B zu transportieren vermag. Camouflage? Pragmatismus! Und, ja, kaum unbequemer als ein guter alter Mercedes.