Jeden Tag werden unzählige Emojis verschickt. Sie sind das digitale Äquivalent von Mimik und Gesten, wie die Computerlinguistin Gretchen McCulloch feststellte, sie ergänzen also eine sprachliche Aussage, ohne selbst Sprache zu sein. Wenn man ein Smiley verschickt, ist das so, als wenn man zusätzlich zum Gesprochenen unterstützend lächelt.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Für mich sind Emojis eine kommunikationstechnische Neuerung, mit der ich meine Probleme habe.

Dies hängt auch damit zusammen, dass ich erst vor kurzem überzeugt worden bin, WhatsApp zu nutzen. Dort schreibe ich allerdings eine Nachricht traditionell Wort für Wort, erst am Schluss denke ich darüber nach, an welchen Stellen ein Emoji passen würde. Wenn ich einen Satz gefunden habe, der ironisch gemeint ist, füge ich das allseits bekannte Emoji mit dem Augenzwinkern hinzu. Sonst verwende ich nur jene Emojis, die als Abschiedsgruß gedacht sind.

Meine Tochter ist hingegen eine Könnerin auf dem Gebiet der digitalen Zeichensprache. Sie hat einen Großteil des Inventars im Kopf, lässt passende Emojis gleich während des Schreibens in den Text einfließen. So soll es wohl sein.

Die Emojis waren auch ein Thema bei einer gemeinsamen Veranstaltung der "Wiener Zeitung" und der "Wienbibliothek im Rathaus" mit dem Titel "Sprache und künstliche Intelligenz". Die Universitätsprofessorin Elisabeth Nemeth zitierte aus einem Text Ludwig Wittgensteins und hielt ein Blatt Papier ins Publikum, auf dem kreisrunde Gesichter zu sehen waren, die der Philosoph 1938 gezeichnet hatte. Hat Wittgenstein die Emojis vorausgeahnt?

Die Antwort lautet: Nein! Wittgenstein ging es um ein philosophisches Gedankenexperiment, das er so beschrieb: "Wenn ich ein guter Zeichner wäre, könnte ich eine unzählbare Anzahl von Ausdrücken durch vier Striche darstellen ...

Wörter wie ‚bombastisch‘ und ‚getragen‘ könnten durch Gesichter ausgedrückt werden. Damit wären unsere Beschreibungen viel flexibler und unterschiedlicher als sie es durch den Ausdruck von Adjektiven sind. (...) In Wirklichkeit benutzen wir tatsächlich Gesten und Gesichtsausdrücke, wenn wir genau sein wollen."

Wittgenstein weist ausdrücklich darauf hin, dass er sich selbst als Zeichner betätigen würde. Seine Zeichnungen sind auch deshalb erfrischend, weil er nicht den Ehrgeiz hatte, perfekt zu sein.

Im Gegensatz dazu sind die heutigen Emojis von entsetzlicher Perfektion. Außerdem werden sie von einer internationalen Organisation festgelegt, sie sind standardisiert und somit das Gegenteil von Individualität. "Lassen wir den jungen Leuten ihre Emojis, wenn sie eine Freude damit haben", meinte Franz Schuh bei der Veranstaltung. Vielleicht sollte das im Umkehrschluss bedeuten, dass sich Leute wie ich nicht genieren müssen, wenn sie Emojis nur spärlich verwenden.