Zugegeben: Ich hab’s mit Zitaten. Und bringe sie gerne ins Spiel, manchmal passend, manchmal unpassend, bisweilen mit verstörender kommunikativer Wirkung. "Ihr seid gar nicht so dumm, wie ihr ausseht" etwa, ein Satz von Muhammad Ali (der, wenn man den Kontext erforscht, bei einer Begegnung des Boxers mit den Beatles gefallen ist, gewitzt gekontert von John Lennon), kann - spontan in einem Social-Media-Thread placiert - die Sprengkraft einer Handgranate entwickeln. Gelegentlich macht es Laune, derlei in einer Unterhaltung einzuwerfen. Und eventuell Sinn.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Es ist die Verdichtung und Zuspitzung, die Zitate so anziehend macht. Im Idealfall sind sie das Substrat der Erfahrungen eines ganzen Lebens. Und natürlich lockt die Berufung auf eine Instanz, die gemeinhin in anderen intellektuellen (oder auch nur prominenten) Sphären rangiert. Einstein etwa. Wer würde nicht gerne Albert Einstein an seiner Seite wissen?

Wiewohl: Es besteht die Gefahr, zum Kalendersprüche-Abreißer zu werden. Sich mit Bonmots, Sentenzen und Erkenntnissen zu schmücken, die man selbst nicht ganz verstanden hat (das gilt insbesondere für Einstein’sche Glaubenssätze, derer es hunderte denkwürdige gibt). Und, ja, man kann sich auch leichterhand öffentlich zum Narren machen, wenn man auf ein falsches Zitat reinfällt. Was leider allzu leicht passiert.

So fühlte ich mich unlängst - ich weiß nicht mehr genau, warum - bemüßigt, auf Twitter ein Zitat in den Raum zu stellen, als eine Art Universal-Mahnmal wider alles und jeden: "Wer schweigt, stimmt nicht immer zu. Er hat nur manchmal keine Lust, mit Idioten zu diskutieren." Ich schrieb brav Albert Einstein als Urheber darunter, weil ich das so verinnerlicht hatte. Ein aufmerksamer Journalistenkollege antwortete umgehend mit: "Man soll nicht alles glauben, was man im Internet liest. (Ebenfalls Albert Einstein)". Es folgte der Hinweis auf die einschlägige Sammlung falschzitate.blogspot.com. Ooops! In diesem Museum der Fakes und populären Irrtümer ist das dem Physikergenie untergeschobene Zitat - die eigentliche Quelle ist unbekannt - noch nicht einmal ein besonderes Glanzstück.

Trotzdem war mir die Sache peinlich. Ich hatte meine Hausaufgaben nicht gemacht. Ich hoffe nun auf kommende Generationen. Darauf, dass Gerald Krieghofers Zitatforschungs-Blog zu einer der ersten Anlaufstellen im Medienkunde-Unterricht wird, ähnlich Mimikama, correctiv.org oder dem Faktencheck der Austria Presse Agentur. Darauf, dass die kollektiven Selbstreinigungskräfte im Netz die Oberhand behalten über die schlampigen G’schichtldrucker, Sprücheklopfer und "Flood The Zone With Shit!"-Apologeten (zumindest von Letzteren versuche ich mich akkurat fernzuhalten). Und darauf, dass die unzähligen Zitat-Sammlungen auf diesem Planeten und ihre theoretisch unbegrenzten Erweiterungen und Verknüpfungen im elektronischen Kosmos mit Kontext, Kontext, Kontext unterfüttert werden.

Die Aufklärung ist harte Arbeit, kein Rosinenpicken. Auf Dauer. "Lernen ist Erfahrung. Alles andere ist einfach nur Information." Ob wenigstens dieses Einstein-Zitat wahr ist? Zumindest hat meine nun eilfertige Netzrecherche nichts anderes ergeben.