Vor kurzem veröffentlichte die Bioethikkommission des Bundeskanzleramtes eine Stellungnahme zu den "ethischen Herausforderungen" der Klimakrise. Um diese zu bewältigen, werden nicht nur die üblichen Ideen zur Umstrukturierung von Verkehr, Industrie und Energieversorgung referiert, die Empfehlungen der Kommission wollen zu einer weiteren Sensibilisierung für dieses brisante Thema anregen. Ein besonderes Anliegen scheint den Ethikern die mediale Berichterstattung zur Klimakrise zu sein. Da wittern sie offenbar noch Potenzial. Sie schlagen vor, Beiträge, die nicht mit dem "wissenschaftlichen Konsens" übereinstimmen, extra zu kennzeichnen und mit entsprechenden Hinweisen zu versehen. Medien, die Klimaskeptisches veröffentlichen, sollen Förderungen oder Inserate entzogen werden. Journalisten wird angeraten, spezielle Schulungen zu durchlaufen, damit sie wissen, was sie zu schreiben haben. Gewarnt wird vor jenen geschäftstüchtigen Bösewichtern, die sich als "indirekte Klimakrisenleugner" entlarven, indem sie Kunden durch entsprechende Anzeigen zu klimaschädlichem Verhalten aufrufen, etwa durch Werbung für "Billigflüge", "Kreuzfahrten" und nicht näher definierte "Automarken". Digitale Geräte, die alles andere als klimafreundlich sind, dürfen hingegen weiter angepriesen werden, auch scheinen teure Linienflüge und private Jachten den Hütern der Klimamoral kein Dorn im CO2-bewussten Auge zu sein.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Ginge es nicht um das Klima, würde man vom plumpen Versuch einer Indoktrinierung sprechen. Selbst wenn es einer guten Sache diente: Grundrechte wie die Freiheit der Meinung sollte man nicht leichtfertig in Frage stellen. Das überall zu beobachtende Kokettieren mit indirekten Zensurmaßnahmen ist höchst bedenklich. Erstaunlich erscheint überdies das Vertrauen in den "wissenschaftlichen Konsens", auf den die Berichterstattung verpflichtet werden soll. Einmal abgesehen davon, dass uns die Pandemie gelehrt hat, dass es in den Wissenschaften alles Mögliche gibt, nur keinen Konsens, mutet dies sonderbar an in einer Zeit, in der sogar akademische Institutionen wenig von der Wissenschaft halten dürften. Erst vor kurzem wurde der Vortrag einer Forscherin, die an der Humboldt-Universität über die Biologie der Geschlechter sprechen sollte, nach Protestaktionen besorgter Transaktivisten von der Universitätsleitung abgesagt - schließlich gäbe es in dieser Frage keine Übereinstimmung in der Wissenschaft. Wenn sich schon Naturwissenschafter nicht darauf einigen können, ob es, biologisch betrachtet, beim Menschen zwei oder mehr Geschlechter gibt, wie viel an Konsens ist von einer Klimaforschung zu erwarten, die in hohem Maße mit Modellen und Prognosen arbeitet, deren Parameter regelmäßig variiert werden müssen?

Wissenschaft scheint immer mehr zu einem Joker zu werden, den man dann zieht, wenn es einem in den Kram passt. Anderenfalls triumphiert die Gesinnung. Dass politische Parteien, Aktivisten und Interessengruppen die öffentliche Meinung zu ihren Gunsten beeinflussen und steuern wollen, ist verständlich. Qualitätsjournalismus zeigt sich auch daran, wie viel an Unabhängigkeit er dem entgegensetzen kann. Man muss in einer offenen Gesellschaft der Dynamik der freien Meinungsäußerung vertrauen, gerade in umstrittenen Fragen. Die Wissenschaften können dazu Argumente unterschiedlicher Qualität und Relevanz liefern. Es ist nicht ihre Aufgabe, Medienpolitik zu machen. Dass die Bioethikkommission dieser Versuchung erlegen ist und mit einer staatlichen Kontrolle der öffentlichen Meinungsbildung liebäugelt, wirft ein schräges Licht auf den Zustand dieser an sich verdienstvollen Einrichtung. Fast sieht es so aus, als würde sich die Vernunft gerne selbst an das Gängelband der einen oder anderen politischen Ideologie legen. Das wäre in jeder Hinsicht fatal.