Ich hatte die Episode schon fast vergessen, aber diese Woche fiel sie mir wieder ein. Aus gegebenem Anlass. Die Episode handelt vom einzigen Mal in meiner doch zwölf Jahre dauernden ORF-Laufbahn, bei dem ein fertiger Beitrag nicht auf Sendung ging. Ich würde es nicht Zensur nennen (und nannte es auch damals nicht so), weil rasch klar war, dass ich ein äußerst heikles Thema aufgegriffen hatte.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Ich arbeitete zu jener Zeit für Ö3 und war redaktionell mit der "Radiothek" betraut, einer Art tönenden Wochenendbeilage mit Kulturbeiträgen und Reportagen. Eine hatte ich selbst vorgeschlagen: Es ging um die Drohung der Zeitungsverleger, den Diebstahl ihrer Produkte aus sogenannten Selbstbedienungstaschen mit Detektiven ausforschen zu lassen und zur Anzeige zu bringen. Eine leere Drohung (sieht man von peinlichen Fotos von frisch ertappten Zeitungsdieben ab, die ungeniert abgedruckt wurden). Juristen bestätigten mir, dass kein Gericht der Welt solche Bagatellen verfolgen würde, zumal keine Bezahlschranke die freie Entnahme verhinderte. So holten viele unehrliche, unwillige oder auch nur unaufmerksame Menschen einfach eine Sonntagszeitung aus dem Ständer und trollten sich. Ohne Obolus.

Irgendein Verleger, den ich interviewt hatte, erahnte die Folge eines diesbezüglichen Ö3-Beitrags: Kein Mensch würde die Moralappelle mehr ernst nehmen. Er intervenierte umgehend in der Chefetage. Ich erinnere mich daran, dass mein damaliger Vorgesetzter leichenblass ins Büro kam, den schon fertigen Beitrag anhörte - und mir zu verstehen gab, man hätte damit gedroht, eine Print-Kampagne zu starten, sollte die Story auf Sendung gehen. Kern der Kampagne würde eine große Reportage sein, dass die "Schwarzseher"-Ausforschungen, die der ORF in etwa zeitgleich lancierte (man munkelte von Peilwägen und Zielfahndern), vice versa ein großer Humbug seien. Technisch und juristisch: eine Schimäre. Die Bemühungen am Küniglberg, die Bevölkerung flächendeckend zur Bezahlung der ORF-Gebühren zu motivieren, würden so ebenfalls ins Lächerliche gezogen. Aus kaufmännischer Sicht wäre meine investigative Reportage ein doppelter, allseitiger Schuss ins Knie geworden. Wie gesagt: Sie ging nie auf Sendung.

Das war Mitte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Vom Internet war damals noch keine Rede, von Streaming schon gar nicht. Freilich hat sich an der Grundproblematik wenig verändert: Es steckt viel Schweiß, Geld und Gehirnschmalz in journalistischen Produkten (egal, ob Print, Radio, TV oder Online). Die Mittel und Wege, diesen Umstand zu ignorieren und sie gratis zu konsumieren, sind bequemer geworden. Und die Hemmschwellen deutlich niedriger. Dabei bezahlen wir sie über Umwege - "there is no such thing as a free lunch" - dennoch. Alle. Auch die, die sich zu drücken versuchen.

Nun hat der Verfassungsgerichtshof sein Wort erhoben. Und den Gesetzgeber gebeten, die sogenannte "Streaminglücke" im Sinne des ORF zu schließen. Und damit die öffentlich-rechtliche Zukunft zu sichern. Wie das genau geschehen soll, ist noch offen. Aber es wird wohl auf eine GIS-Abgabe für jeden Haushalt hinauslaufen. Freiwilligkeit, gar Freudigkeit ob einer alles in allem günstigen medialen Grundversorgung sind leider zwischenzeitlich nicht in Mode gekommen.