In der Sommerfrische lässt es sich schön mit der Seele baumeln. Bei See und Sonnenschein fällt mir der Whisky ein, den ich gestern Abend hatte. Scotch, weil Bourbon war aus. Daran habe ich mich schon gewöhnt. In diesem Sommer ist dauernd was aus. Es fehlen Wärmepumpen, es fehlt Brennholz, es fehlt russisches Gas und es fehlen Menschen, die bereit sind, für wenig Geld meinen Koffer ins Flugzeug zu heben. Wenigstens gibt es wieder genug Klopapier. Und Scotch ist auch noch da.
Lieber setze ich für beseelte Berauschung Bourbon ein. Da hat man nicht gleich das Gefühl, direkt vorm Kamin mit den dicken Holzscheiten zu hocken. Bourbon ist der Wilde Westen an der Cowboybar. Kurz runtergeschluckt, gleich ein gutes Gefühl im Bauch, hinterher entweder Schießerei oder Spaß mit der Bedienung, jedenfalls aber klare Sache.
Scotch dagegen erinnert mich an das, was ich mir frühmorgens in den Bart schmiere, sage ich zu meiner Frau. Sie schaut auch hinaus auf den See und hoch hinein in den Sonnenschein. Sie sagt, aha, das ist es also. Ich frage mich schon seit Wochen, warum du auf einmal wie ein alter Mann riechst, sagt sie. Eventuell solltest du dir etwas anderes in den Bart schmieren. Das sagt sie auch noch. Und nippt am Sekt.
In der Sommerfrische konzentrieren wir uns aufs Wesentliche. Sogar beim Wandern lassen wir die anderen vor. Auch das ewige Grüßen hat sich aufgehört. Es ist auf Dauer echt nervig, alle drei Minuten "Grüß Gott" zu rufen, nur weil schon wieder zwei dicke Deutsche mit E-Bikes an einem vorbei gen Gipfel streben. Die rufen dauernd "Grüß Gott". Geradeso, als ob das die Zusatzversicherung zur Abfahrt wäre. Die Holländer rufen auch "Grüß Gott". Die Österreicher rufen gar nichts. Die schauen nur verbissen. Besonders wenn ein Wanderer im Weg steht.
Ein anderer wäre in den Busch gesprungen. Aber ich springe schon lange in keine Büsche mehr. Ging sich eh noch aus. Irgendwie gerade so. Wir sind diesmal in einem sehr guten Haus abgestiegen. Mit einem Volksschauspieler, einer Opernsängerin, und viele pensionierte Bankdirektoren gibt es auch. Am Abend sehe ich die Frau von einem beim Käsebuffet. Ihr linkes Bein ist fest bandagiert und viele Pflaster sind rundherum verteilt. Am Morgen fuhr sie mit dem E-Bike los. Ein Hauch von Schadenfreude kommt auf. Aber ich bin ein guter Mensch. Ich überwinde das.