Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Man wird ja geradezu verfolgt von diesen Tabellen, auf denen Lebensmittel, Autos, Steuerberater, Ärztinnen und Städte, Rasendünger und - in der deutschen Zeitschrift "Cicero" - sogar Intellektuelle auf ihre Ränge im Ranking durch eine x-beliebige Punktzahl gereiht werden.

Lustiges Spiel, allerdings bleibt die Frage, welche Beziehung diese Aufstellungen zur Wirklichkeit haben. Haben sie überhaupt eine? Diese Frage zumindest kann ich mit einem kristallklaren Ja beantworten. Kristallklar deshalb, weil ich die Prüfung dieser Aussagen zu Zeiten meiner Lehrtätigkeit an verschiedenen, auch österreichischen Universitäten in Statistik- und Empirie-Klausuren zur Disposition gestellt habe. Wie das so ist mit den Prüfungen, müssen klare Fragen gestellt werden, deren Antwort von vornherein gegeben ist, oder gar keine, um herauszukriegen, was bestimmte Dinge bedeuten könnten.

Was also bedeuten die Rankings? In den meisten Fällen nichts. Beispiel Universitäts-Rankings. Das war ja mal große Mode, und sie galten als wichtige Hinweise auf die Verfasstheit eines Landes und der Selbstverständnisse der "ausgezeichneten" Institutionen.

Das ist ja auch sensationell, wenn (um ein Beispiel zu nehmen, an dessen publizistischer Nachbearbeitung ich beteiligt war) das an besten bewertete von 110 Instituten (es war eine TU) auf einer Skala von 1 (schlechteste Bewertung) bis 6 (beste Bewertung) bei 4,7 lag, das schlechtest bewertete bei 3,0 (und das war noch ein Ausreißer). Mit anderen Worten: 108 Werte zwischen diesen Extremen lagen auf der Breite von 1,7 Skalenpunkten. Damit ist die einzig schlüssige Antwort auf die Klausurfrage auch klar: Eigentlich wurden die Unis allesamt als mittelmäßig bis halbwegs gut bewertet.

Anderes Beispiel: Die Zahl der Bewertungen eines deutschen Rankings wurde mit 424.391 angegeben. Die nach diesem Ranking führenden Hochschulen rangierten auf den (aus unerfindlichen Gründen mit vier Stellen hinter dem Komma identifizierten) zehn Spitzenpositionen zwischen 4,2974 und 3,7758. Die Differenz ist also 0,5216. Was belegt, dass es auch in dieser Reihung kaum nennenswerte Unterschiede gibt. Und das geht über Jahre so, ist ja auch kein schlechtes Ergebnis. Trotzdem war und ist das Schnittmuster der Erzählung schon vorher klar: Es gibt "Aufsteiger" und Absteiger", Überraschungen, die geradezu in bühnenreifer Dramatik inszeniert werden, es gibt Klagen - auch juristische - und Jubel, und da ist es völlig egal, was wirklich dahintersteckt.

Im Lauf der Jahre sind diese Spielchen weniger geworden, aber das Prinzip hat überlebt: Anonymisierte Daten liefern Rankings - nicht mehr durch überprüfbare Verfahren, sondern durch Likes und hochgestreckte Däumchen. Damit ist das - wenngleich in der Aussage oft etwas übertrieben interpretierte wissenschaftliche Verfahren - endlich auf dem Niveau von Kinderbüchern angelangt und wohl deshalb noch erfolgreicher.