Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

Mit einer Mischung aus Selbstironie und Stolz zeigte uns K. seine neue Plakette am Gartenzaun, die er vom Land Tirol als Auszeichnung für seinen vorbildlich naturnahen Garten bekommen hat. In Ks Garten gibt es Apfel- und Birnbäume, und in deren Mitte liegt der von Blumen um- und auch durchwachsene Gemüsegarten in der Sonne. Das heurige Sommerwetter hatte alles so schnell wachsen lassen, dass die Hausherrin lachend davon berichtete, wie sie eine fruchttragende Zucchinipflanze unter den Blühstauden "wiedergefunden" hatte.

"Natur im Garten" nennt sich die Initiative, die Leute auszeichnet, die, wie K. anmerkte, sowieso tun, wozu andere erst animiert werden sollen. Der Kleingarten soll idealerweise weniger "Pflanzenanhaltelager" als vielmehr Paradiesfragment sein, in dem alle möglichen Tierchen und Pflanzen ein selbstverständliches Heim finden. Ich teile Ks Ansicht über Sinn und Unsinn dieser Plakette und kann dennoch nicht umhin zuzugeben, dass ich ihn auf eine intellektuell nicht geradlinige Weise ein bisschen beneide.

Denn ich hätte auch gern so eine Plakette am Zaun, damit die Leute, die vorbeigehen, sehen, dass das, was ich hier habe, keine Unordnung, sondern naturnah ist: Normalerweise ist mein ebenfalls von Apfelbäumen umgebener Gemüsegarten erst Anfang August beinahe unbetretbar, weil wieder einmal alles wahrscheinlich zu dicht gesetzt und gewiss zu groß gewachsen ist. Im Frühling ist es jedes Jahr aufs Neue unvorstellbar, wie viel Platz eine einzige Lupine braucht. Und heuer hatte ich meine Rabatte wirklich stark ausgedünnt und schon halb befürchtet, dass sie im Sommer ein bisschen kahl wirken könnten. Doch diese Angst war völlig fehl am Platz, denn die verbliebenen Blühpflanzen hatten das vergrößerte Platzangebot so ruchlos zur Ausdehnung genützt, dass schon Ende Juli kein Durchkommen mehr ist.

Wenn im Hochsommer die Gänge unpassierbar werden, ist es Zeit, dass ich mich mit einem Schubkarren hineindränge und rode. Zu Beginn scheint die Aufgabe undurchführbar: Von Gewitterstürmen aus der Senkrechten gebrachte Stockrosen versprechen Undurchdringlichkeit. Bevor ich diesmal meine mentale Machete auspackte, sah ich, was mein Garten einmal machen wird, wenn ich irgendwann nicht mehr Hand anlegen kann: Übermannshoher Baumspinat und wegwartenblau blühende Chicorée-Salate werden ein undurchdringliches Dickicht mit sich frei aufwindenden Stangenbohnen und Muskatellersalbei bilden.

Wenn ich bis dahin so eine Plakette am Zaun hätte, wäre auch dann noch alles in Ordnung: Die Natur erobert alles zurück. Schon jetzt rupfe ich immer wieder Ahorne und Kriecherlbäume aus, die hier einen Wald bilden möchten.