Vor mir auf dem Tisch liegen zwei Bücher. Ich habe sie aus der Grabbelkiste eines Geschäfts geholt, das auf den Verschleiß von Remittenden, Restexemplaren und vorgeblich beschädigter Ware zum halben Preis spezialisiert ist. Freilich sind die Bücher in gutem Zustand und auch inhaltlich von Interesse. Ich treibe mich gern in solchen Läden herum, weil man wirkliche Schnäppchen aus den Regalen ziehen kann.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Die zwei Bücher, von denen die Rede sein soll, besitzen einen prominenten Autor: Dr. Hannes Androsch. Er war einmal Finanzminister und Vizekanzler in der Ära Kreisky (bevor er sich mit dem großen Alten überwarf) und ist seither als Industrieller präsent in diesem Land. Und, ja, er meldet sich beständig und oft zu Wort, was Fragen der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft angeht. Das kann man ganz nach Geschmack als wertvoll empfinden, als eitel oder gar als überflüssig - ausgediente Politiker neigen bisweilen dazu, als Balkon-Muppet ihren Senf zu allem und jedem geben zu müssen. Androsch lässt seine Gedanken gern in Buchform veröffentlichen. "Was jetzt zu tun ist" lautet der Titel eines 2020 erschienenen Werkes, der des zweiten: "Digitalisierung verstehen". Es hat seine erste Auflage 2021 erfahren. Und wird schon verramscht? Ich begann, neugierig geworden, darin zu blättern. Im ersten Buch findet sich, vorangestellt, ein denkwürdiger Satz: "Den nächsten Generationen gewidmet, auf dass sie Antworten auf die großen Fragen ihrer Zeit finden." Das klingt pathetisch, aber auch überraschend ernst, konkret und energiegeladen in Zeiten von Pandemie, Krieg, Inflation und zunehmender Ratlosigkeit. Die Bücher halten, was sie versprechen. Ob die zukünftigen Generationen aber Androsch studieren werden? Oder auch nur durchblättern? Gilt er nicht - sofern überhaupt noch namentlich vertraut - als Prachtexemplar eines alten weißen Mannes?

Es wäre ein Leichtes, sich über diese Fragen zu amüsieren. Ich tue es nicht. Denn hier lässt sich, aufgehängt an einem Zufallsfund, eine bittere Erkenntnis gewinnen: Schade, dass der natürliche Generationenkonflikt - der ja immer auch ein heftiger Austausch war - vielfach in schematischer Isolation erstarrt ist. Die Generationen Y, Z und Alpha scheinen anders zu ticken als Baby-Boomer und ihre Eltern. Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht? Seit der von Zynismus und Blendwerk geprägten Ära Kurz bin ich fast geneigt, Letzeres zu vermuten. Aber viele derer, die sich gegen die damals (und auch heute, gemildert, immer noch) regierende Machtpolitik wehrten, waren und sind jüngere und jüngste Mitbürgerinnen und Mitbürger. Wohl informiert, technisch kundig, gesellschaftlich wach (bis hin zu einer überzogenen "Wokeness"), klar in ihren Schlussfolgerungen - oft im Kontrast zum politischen und beamteten Spitzenpersonal des Staates Österreich.

Ich wünschte, sie würden sich mit wohlmeinenden Altvorderen à la Androsch auf ein Packl hauen! Hat je ein Mitglied der aktuellen Regierung ein programmatisches Buch geschrieben (oder schreiben lassen) wie der notorische Auf- und Erklärer? Eben. Ein wechselseitiger Lernprozess muss rasch, tabulos und konzentriert erfolgen. Androschs väterliche Episteln sind zu schade für die Ramschkiste.