Für einiges Aufsehen sorgten vor kurzem Klimaaktivisten, die sich spektakulär in den florentinischen Uffizien an Sandro Botticellis berühmtes Gemälde "Primavera" klebten, um darauf aufmerksam zu machen, dass der hitzebedingte Weltuntergang nahe ist. Der Sinn dieser Aktion erschließt sich nicht wirklich. Der Klimaveränderung mangelt es wahrlich nicht an medialer Präsenz, dafür sorgen schon berstende Gletscher und extreme Wetterlagen. Das Argument der Demonstranten, dass sie verdeutlichen wollten, dass es solch einen schönen Frühling, wie ihn der Renaissance-Maler auf die Leinwand bannte, in Zukunft nicht mehr geben wird, wirkt unfreiwillig komisch. Hätten die umweltbesorgten Museumsbesucher etwas genauer hingesehen, bevor sie in den Leimtopf griffen, hätte ihnen auffallen müssen, dass es ziemlich warm sein muss, um schon im Frühling derart zart bekleidet im Freien zu tanzen, wie es der sinnliche Reigen der Grazien bei Botticelli vorführt.

Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn
Der Autor ist ein österreichischer Philosoph, Essayist und Kulturpublizist. Er ist Universitätsprofessor für "Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik" an der Universität Wien. - © Heribert Corn

Von einer ähnlichen Gedankenlosigkeit war auch eine andere medienwirksame Intervention der Klima-Rebellen gekennzeichnet: die Blockade einer Etappe der Tour de France. Ausgerechnet ein Radrennen zu stören, um gegen fossilen Energieverbrauch zu demonstrieren, entbehrt nicht einer gewissen Paradoxie. Anstatt die Tour zu nutzen, um das umweltfreundlichste Fortbewegungsmittel zu promoten, behandeln die engagierten Apokalyptiker die Athleten so, als würden diese nicht in die Pedale treten, sondern auf einen Gashebel drücken. Symbolpolitik ist etwas Feines, nur muss sie eine sinnvolle Deutung erlauben.

Diese schrägen Beispiele verweisen auf ein tieferliegendes Problem. Radikale Klimaaktivisten fühlen sich zunehmend an keine legalen Schranken mehr gebunden. Wer, wie die selbsternannten Vertreter einer vermeintlich "letzten Generation", davon überzeugt ist, dass die Rettung des Klimas den Einsatz aller Mittel rechtfertigt, begibt sich auf gefährliches Terrain. Die Vorstellung, dass es so schlimm um uns bestellt sei, dass bei Protesten auf Rechtsstaat und Demokratie, auf eine funktionierende Infrastruktur sowie auf die Bedürfnisse von Menschen keine Rücksicht genommen werden muss, enthält ein totalitäres Moment. Auch eine Ökodiktatur bliebe eine Diktatur. Es ist in einem politischen Sinn stets verhängnisvoll, ein Anliegen zu einer absoluten Größe zu stilisieren und damit alles andere, was Menschen bewegt, zu diskreditieren. Das spricht nicht dagegen, dass Prioritäten gesetzt werden müssen. Aber wenn der verdiente Journalist Peter Huemer in einem "Presse"-Kommentar schreibt, dass angesichts der drohenden Klimakatastrophe der Ukraine-Krieg, ja ein möglicher Krieg in ganz Europa letztlich "sekundär" sei, dann drückt sich darin nicht nur aufrichtige ökologische Besorgnis, sondern auch eine missionarische Überheblichkeit aus, vor der Weltretter aller Art nie gefeit sind.

Die neue Lust an der Apokalypse und das Beschwören endzeitlicher Katastrophen sind kontraproduktiv. Wir wissen, dass wir alles daransetzen müssen, um einerseits den anthropogenen Klimawandel zu verlangsamen und anderseits dessen Folgen wie Hitzewellen und Überflutungen abzufedern. Die politischen, ökonomischen, sozialen und technologischen Wege dazu sollten aber pragmatisch ausgehandelt werden, die Drohung mit dem Weltuntergang ist wenig hilfreich. Wichtiger sind offene Diskurse, vernünftige Rahmenbedingungen für Verhaltensänderungen und innovative Ideen. Das Vertrauen in demokratische Institutionen wäre deshalb zu stärken, nicht mutwillig zu demontieren. Dogmatismus und aggressive Störaktionen verärgern auch Sympathisanten der Bewegung. Sich festzukleben, offenbart unfreiwillig die eigentliche Botschaft solch eines blinden Aktionismus: Mit diesem kommen wir einfach nicht vom Fleck.