Immer wieder hört man aus dem Mund von Politikern die Phrase "in keinster Weise" - wenn sie zum Ausdruck bringen wollen, dass sie etwas kategorisch ablehnen. Meine Tochter empfindet diese Ausdrucksweise als Zumutung. "Wenn ich das höre, stehen mir die Haare zu Berge; ich nehme gar nicht mehr wahr, was gesagt wird." Das Indefinitpronomen "kein" wird in diesem Fall wie ein Adjektiv gesteigert. Ich weiß nicht, warum "in keiner Weise", "auf keinen Fall", "keinesfalls" und "keineswegs" als Ablehnung nicht ausreichen.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Roberta hat auch einige andere schwerwiegende Fehler auf ihrem Zettel, zum Beispiel die Steigerung von Absolutadjektiven, das sind Eigenschaftswörter, die gedanklich bereits das niedrigste oder das höchste Maß beinhalten. Hier eine Horrorliste: die optimalste Lösung, die letzteste Alternative, das leerste Glas, die entscheidendste Bedeutung, die einzigste Möglichkeit.

Verharren wir kurz beim letzten Beispiel. Mit "einzig" wird etwas Singuläres ausgedrückt, die Logik sagt, dass das Wort nicht gesteigert werden kann. Allerdings hat schon Johann Wolfgang von Goethe in "Faust II" geschrieben: "Durchgrüble nicht das einzigste Geschick. / Dasein ist Pflicht, und wär’s ein Augenblick." In einem Brief an Auguste Gräfin zu Stolberg verabschiedete er sich mit den Worten: "Gute Nacht, Engel - einzigstes, einzigstes Mädchen und ich kenne viele."

Moderne Grammatiker sehen es so: Wenn "einzig" die Bedeutung "nur einmal vorhanden" hat, kann das Wort nicht gesteigert werden; wenn es in einer übertragenen Bedeutung verwendet wird, ist eine Steigerung denkbar.

Das Prinzip lässt sich auch am Gegensatzpaar "leer" und "voll" erläutern. Das "leerste Glas" verstößt genauso gegen die Logik wie das "vollste Glas". Denn wenn ein Glas "leer" ist, enthält es keine Flüssigkeit, wenn es "voll" ist, kann nichts nachgefüllt werden. Ist ein Glas zur Hälfte gefüllt, sagen wir: Es ist "halbvoll" oder "halbleer" - angeblich kann man an der Wortwahl einen Optimisten von einem Pessimisten unterscheiden.

Wird das Wort "voll" hingegen im übertragenen Sinn verwendet, kann es sehr wohl gesteigert werden. "Er hat die Aufgabe zu meiner vollsten Zufriedenheit erledigt." Niemand wird daran zweifeln, dass dieser Satz regelkonform ist.

Neuerdings gilt eine Steigerung beim Wort "leer" auch dann als zulässig, wenn es sich um relative Bedeutungen handelt: "Heute ist der Bus ziemlich leer, aber gestern war er leerer." Demnach hätten die Absolutadjektive "leer" und "voll" verschiedene Abstufungen: Der Bus kann "leer", "ziemlich leer", "ziemlich voll" oder "voll" sein.

Ich halte "ziemlich leer" für grenzwertig, weil ich "leer" in diesem Fall nur im wörtlichen Sinn und nur verabsolutiert sehe. Aber die Phrase ist in dieser Form oft zu hören. Auch "schwanger" ist ein absolutes Adjektiv, eine Frau kann "schwanger" sein, nicht aber "ein bisschen schwanger" oder "schwangerer" als eine andere Frau oder "am schwangersten". Lassen wir auch bei "leer" die Kirche im Dorf.