Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

In Deutschland wird gerne beklagt, der Meinungskorridor sei ganz schön eng, man könne so viele Sachen gar nicht mehr sagen, ohne sofort sozialmedial gekreuzigt zu werden oder im Freundeskreis der Ächtung anheimzufallen. In Wahrheit ist es umgekehrt: Noch nie konnte jedermann und jede Frau so problemlos noch die abstrusesten Meinungsbekundungen in die Welt setzen. Man muss halt damit rechnen, Widerspruch zu ernten, und solchen scheinen viele Twitterer, Instagramer, Facebooker usw. gleich als Maulkorb zu empfinden. Es gibt allerdings tatsächlich ein Terrain, auf dem man recht schnell ins soziale Abseits gerät: den Sommer.

Hier ist der Korridor ein Nadelöhr, und wenn man so wie ich gerne bekundet, man sei froh, wenn wieder Herbst sei, oder freue sich auf ein paar Regentage, erntet man Reaktionen, die von einem befremdeten "Echt?" bis zum entsetzten "Wie bist du denn drauf?" reichen. Sommer und Sonne satt sind super, heiße Tage prächtig, und von manchen werden schon ein paar Wolken als Zumutung Petri empfunden. Bei mir ist es aber genau umgekehrt, und ich weiß nicht, ob das nun ein Gendefekt ist oder Schicksal oder der erste Schritt in die Unzurechnungsfähigkeit.

Rudi Carrells schon damals bescheuertes Liedchen "Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?" klingt in meinen Ohren jedenfalls wie eine Drohung. Oder genauer gesagt: Ein richtiger Sommer wäre für mich das genaue Gegenteil von dem, den der große holländische Showmaster meinte: gemäßigt temperiert, regelmäßig befeuchtet, ohne all die Unwetter- und Hitzeausschläge heutiger Tage. Bis es wieder so weit ist, muss ich mir mangels Klimaanlage mit kulturellen Hausmitteln behelfen. So lese ich zur Kühlung Bücher wie Anita Harags "Es ist zu kalt für diese Jahreszeit" oder "Das Glück der kalten Jahre" von Martyna Bunda, schaue mir im Fernsehen Aufzeichnungen der vergangenen Wintersportsaison an und höre Musik von Coldplay oder den Cold War Kids.

Ich weiß, das klingt verrückt, aber da alles eine Sache der Wahrnehmung ist, versuche ich mich sozusagen an einer kognitiven Selbsttherapie. Dazu gehört auch der Gedanke an den kommenden Frier-Winter, in dem Putin uns das Gas abdrehen wird. Wenn es jetzt in diesem Sommer ausnahmsweise schrecklich warm ist, sage ich mir, so ist das nur zu unserem Besten: Wir müssen einfach so viel wie möglich von dieser Hitze in unseren Herzen speichern, dann können uns Raumtemperaturen von 18 Grad und kaltes Duschen nichts anhaben.

Der Einzige, der bei 35 Grad Grund zum Bibbern hat, ist demnach der russische Präsident, weil nämlich kein Mensch mehr sein blutiges Gas braucht. Wenn das keine erfrischende Vorstellung ist!