Irene Prugger, geboren 1959, Schriftstellerin und freie Journalistin, lebt in Mieming, Tirol.

Irene Prugger, geboren 1959, Schriftstellerin und freie Journalistin, lebt in Mieming, Tirol.

Die Moldau ist der längste Fluss Tschechiens, unsere Vierer-Crew hatte sich einen ruhigen, aber windungsreichen Abschnitt ausgesucht, um mit dem Schlauchboot 25 Kilometer flussabwärts nach Krumau zu paddeln. Mit uns befuhren andere, mehr oder weniger erfahrene Paddler, den Fluss. Manche ruderten ambitioniert, andere wurden erst bei Wehren und Stauungen tätig. Einige fuhren allein, viele zu zweit, manche schwärmten in Gruppen aus. Einige steuerten ungeschickt, viele routiniert, einige saßen angespannt, die meisten aber gelassen, mitunter auch ausgelassen in ihren Booten.

In einem langsamen Teilstück ließen wir uns treiben, wobei ein Einzelkanu unsere Aufmerksamkeit erregte, das eine große luftgefüllte rosa Plastikente nach sich zog. Ein Mann mittleren Alters mit einer Kapitänsmütze auf dem Kopf lag entspannt im Boot und hörte klassische Musik (kein Smetana). Unsere Boote trieben aufeinander zu und wir kamen ins Gespräch.

Die Ente sei seine ständige Begleiterin und brächte ihm Glück, erzählte uns der Mann schmunzelnd auf Englisch. Ob er denn öfters eine Bootstour auf der Moldau unternehme, fragten wir. Er nickte. "Im Sommer nahezu täglich, im Winter fahre ich Ski." - "Und die Arbeit?" - Seine Antwort brachte unser Boot fast ins Trudeln: "Ich arbeite nicht mehr. Ich habe genug Geld, und es wird auch noch für meine Kinder und Kindeskinder reichen!" Sichtlich zufrieden fügte er an: "Nebenberufliche Investments, die sich ausgezahlt haben!"

Er war also nicht nur ein Hobby-Kapitän, sondern auch ein Hobby-Kapitalist. Willig berichtete er uns von den Grundlagen seines Reichtums: Er sei gebürtiger Däne und habe es dem dänischen Paten der Krypto-Szene, Niklas Nikolajsen, gleichgetan, der vor etwas mehr als zehn Jahren tausend Bitcoins für 770 Dollar kaufte und damit zum Multimillionär wurde.

Unsere Einstellung zu Kryptowährungen ist politisch korrekt, das heißt, wir lehnen sie schon wegen des hohen Energieverbrauchs beim Mining ab. Aber so eine Transaktion im Jahr 2011 hätten wir doch gerne durchgeführt. Chance verpasst, doch wir mussten jetzt darauf achten, dass wir nicht die nächste Schleuse verpassten. Dort war in einem Strudel ein junges Pärchen gekentert, dem nun das Wasser bis zum Hals stand und das verzweifelt seine Habseligkeiten zusammensuchte, weil auch noch die Gepäckboxen davonschwammen. Der Millionär meisterte die Stelle souverän, was wir ihm ein bisschen missgönnten. Nicht einmal seine Ente in der Funktion eines Glücksschweines verlor Luft.

Während wir weiterfuhren, ging uns die Begegnung nicht aus dem Kopf und wir dachten über die Gewinne und Verluste unseres Lebens nach. Uns waren schon etliche rosa Träume geplatzt und Felle davongeschwommen. Doch schnell stimmten wir überein: täglich Skifahren oder Paddeln - was für ein langweiliges Leben! Und überhaupt: Vielleicht war seine Story ja nur eine aufgeblasene Ente!