Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

In einer Welt voller Hiobsbotschaften zieht es den Menschen in den Urlaub und unter den Sonnenschirm. Wer Fernreisen ablehnt, keine Berge besteigen und nicht bloß im Gänsehäufel sitzen mag, für den bietet sich als Reiseziel etwa Italien an. So eine Reise in unser südliches Nachbarland bietet auch die Gelegenheit, Kindheitserinnerungen aufzufrischen: zum ersten Mal Cocco bello am Strand, zum ersten Mal Spaghetti mit frischem Pesto oder Schwimmenlernen im Pool.

Urlaub in Italien ist mindestens zur Hälfte Urlaub im Gestern. Und wer durch Lignano Sabbiadoro spaziert, den norditalienischen Badeort auf der Halbinsel zwischen der Lagune von Marano und Adria, der findet noch einige der schnell und kostengünstig errichteten Hotels und Ferienhäuser aus den 1970er Jahren.

Natürlich ist nicht alles wie damals: Man muss nicht unbedingt mit dem Auto fahren, sondern es geht auch mit der Bahn und den Bussen des Trasporto Pubblico Locale Friuli Venezia Giulia (TPL FVG). Statt knatternder Mopeds sind immer mehr Fahrräder unterwegs. Manche Restaurants bieten glutenfreie Pizzaböden oder mischen Sesamkörner in den Teig. Die größte Änderung freilich betrifft die Art, wie wir mit den Daheimgebliebenen in Kontakt treten.

Als ich am dritten Tag durch die Via Tolmezzo schlendere, um Badehosen und Cantuccini nachzukaufen, will ich bei der Gelegenheit auch Ansichtskarten für Oma und Opa mitnehmen. In meiner Erinnerung gab es keinen Kiosk ohne Ständer mit Ansichtskarten vor dem Eingang. Zehn Minuten schlendere ich suchend die Fußgängerzone entlang: nichts. Schließlich erklärt mir ein Geschäftseigentümer: "Ansichtskarten führen wir nicht. Kein Mensch schreibt mehr!" Verstört ziehe ich mich zum Pool zurück. Vor einem Espresso an der Bar denke ich an WhatsApp, Signal und über den Tod der Ansichtskarte nach. Werden meine Eltern enttäuscht vor dem leeren Briefkasten stehen? Werden sie denken, dies sei bloß eine Ausrede?

Mitten in meinen Gedankenstrom stößt ein dicker Mann, der sich auf einer Liege sitzend die Zehennägel zwickt und sie in den Hotelpool schnippt. Er macht das mit großer Selbstverständlichkeit und Sorgfalt, die man anerkennen muss. Denn Menschen, die voll bei der Sache sind, machen ihre Sache meistens gut.

Vielleicht ist es am Ende gar nicht so schlimm, dass es in Lignano keine Postkarten mehr gibt. Wer weiß, vielleicht hätte der Mann am Pool ansonsten bloß Postkarten beschrieben anstatt sich der Körperpflege zu widmen? Oder ich hätte ihn, im eigenen Schreibfluss, gar nicht bemerkt. Und einen weiteren Italien-Eindruck verpasst, der mich morgen bestimmt an heute erinnern wird.